Noch etwas zu erledigen (Teil 2)

(Teil 1)

Herr Schmidt machte sich also, frisch verstorben und leicht verspätet, auf den Weg zur Arbeit. In Gedanken ging er die Aufgaben durch, die heute auf ihn und Herrn Dreyer, seinen Nachfolger, warteten, und so bemerkte er nicht, dass die anderen Fahrgäste vor ihm zurückwichen. Wahrscheinlich hätte es ihn auch nicht besonders gestört, wenn er es bemerkt hätte; Herr Schmidt war nicht sehr empfindlich gegenüber zwischenmenschlichen Signalen, und vermutlich hätte er sich gefreut, dem Gedränge ein wenig zu entkommen.

Als er sein Büro erreichte, war er fast eine halbe Stunde zu spät dran. Er eilte in sein Büro und fand Herrn Dreyer bereits bei der Arbeit. Ein kurzer Blick über seine Schulter sagte ihm, dass sein Nachfolger sich ganz anständig schlug. Erleichtert hängte er Hut und Jackett an den Garderobenständer und trat zu Herrn Dreyer.

„Guten Morgen! Bitte entschuldigen Sie meine Verspätung. Ich hatte einen kleinen Unfall auf dem Weg. Wie weit sind Sie denn schon gekommen?“

Herr Dreyer schreckte auf. „Ich, äh, Herr Schmidt!“ Er musterte ihn mit aufgerissenen Augen. „Ich habe gar nicht gehört, wie Sie hereingekommen sind!“

„Sie schauen ja, als ob Sie ein Gespenst gesehen hätten“, Herr Schmidt lächelte schief.

Dreyer lachte, und seine Verkrampftheit löste sich etwas. „Gut, dass Sie doch noch gekommen sind, ich hatte schon befürchtet, Sie wären krank.“

„Aber nicht doch, Herr Dreyer, ich würde Sie doch nicht im Stich lassen. Zeigen Sie mal, was Sie heute schon geschafft haben.“ Er zog seinen Stuhl an den Schreibtisch und schaute in die Tabellen auf dem Bildschirm, und wenige Minuten später waren sie wieder ganz in ihre Arbeit vertieft. Dass Herr Dreyer immer wieder fröstelte, fiel Herrn Schmidt kaum auf; er hoffte nur, dass sein Nachfolger nicht erkrankte, bevor der Jahresabschluss fertig würde.

In der Mittagspause gingen sie wie üblich gemeinsam in die Kantine. Herr Schmidt hatte zwar keinen Hunger, obwohl er seit dem Frühstück nichts zu sich genommen hatte, aber er holte sich trotzdem sein übliches Hauptgericht. Gutes Essen, so pflegte er zu sagen, hielt Leib und Seele zusammen.

Unglücklicherweise war es in seinem Fall zu spät dafür, und so musste Herr Dreyer mitansehen, dass eine Seele ohne Leib nicht besonders gut darin war, Essen bei sich zu behalten. Herr Schmidt, wenn auch, wie bereits erwähnt, nicht allzu fein auf soziale Signale eingestimmt, gab den Versuch schließlich auf, als Herr Dreyers gequälter Gesichtsausdruck ihm den Rest seines ohnehin kaum vorhandenen Appetits verdarb. Sie gingend schweigend wieder an die Arbeit.

Bald stellte Herr Schmidt fest, dass er des Essens auch nicht mehr bedurfte, ebenso wenig wie anderen leiblichen Unterhalts. Er aß nicht, trank nicht, erleichterte sich nicht und schlief nicht. Stattdessen nutzte er die Nacht, um endlich einmal jene ledergebundene Klassikerausgabe zu lesen, die man ihm zum Abitur geschenkt hatte.

Morgens war er pünktlich im Büro, half Herrn Dreyer beim Jahresabschluss und brachte ihm so viel er konnte bei. In der Mittagspause ließ er seinen Nachfolger allerdings allein, damit dieser ungestört seinen Hunger stillen konnte. Schmidt ging unterdessen die Tabellen noch einmal durch.

So dauerte es nicht lang, bis der Jahresabschluss – pünktlich und mit von Herrn Schmidt vertretbarer, also ausgezeichneter Sorgfalt – fertig war. Es war just der letzte Tag vor Herrn Schmidts Rente, wäre er noch in einem Zustand, sie anzutreten, an dem er aufstand und Herrn Dreyer die Hand reichte.

„Herr Dreyer, wir haben es geschafft. Der Jahresabschluss ist fertig, Sie haben alles gelernt, was ich Ihnen beibringen kann, und ich bin überzeugt, dass Sie ein würdiger Nachfolger an meiner Stelle sein werden. Ich gratuliere Ihnen! Jetzt bleibt mir hier wirklich nichts mehr zu tun“, und mit diesen Worten löste er sich, samt Anzug, Aktentasche und der U-Bahn-Monatskarte in der Jacketttasche, langsam auf, bis Herr Dreyer nur noch einen kühlen Hauch in der Hand hielt.

Er setzte sich und öffnete den obersten Knopf an seinem Kragen. Hatte es also doch gestimmt, was er gerüchteweise gehört hatte: Dass Schmidt an jenem Tag, an dem er zu spät gekommen war, einen tödlichen Unfall gehabt hatte. Deshalb also die verschreckten Blicke der Personaler, wenn sie in sein Büro geschaut hatten. Deshalb also das ständige Frösteln in Herrn Schmidts Gegenwart. Deshalb also, und nicht aufgrund einer neurodegenerativen Krankheit, die Unfähigkeit zu essen.

Welch bewunderswertes Pflichtgefühl, welch vorbildlicher Arbeitseifer!

Herr Dreyer nahm sich fest vor, nie so zu werden.

 

(21.02.2016, 716 Wörter)

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2 Kommentare

  1. Eine interessante und schön erzählte Geschichte, die mehr Wahrheit und Realität enthält, als wohl viele glauben oder vertragen würden…

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