Ein Hauch von Frühling

Miri öffnete die Balkontür und ließ die Märzluft herein. Mit dem milden Wind kam der Duft von frischem Gras und feuchter Erde. Obwohl der Frühling offiziell noch nicht angefangen hatte, war es warm, und die Pflanzen hatten das als Zeichen genommen. Überall sprießte es. Gras wucherte unter den Wurzeln der Bäume und lugte aus den Ritzen im Pflaster, und wenn jemand darauf trat, stieg sein frischer Geruch bis in den ersten Stock.

Über Nacht hatte es geregnet. Miri trat an ihre noch leeren Blumenkästen und fasste in die nasse Erde. Ein dunkler, feuchter Geruch stieg auf, als sie die Krume zwischen ihren Fingern zerbröselte. Ob sie es wohl schon wagen konnte, die ersten Blumen zu pflanzen und die ersten Kräuter zu säen? Noch lag ein Hauch von Winter in der Luft, doch es war schon einige Tage lang warm, und der Wetterbericht kündigte keinen Frost an.

Miri schnupperte. Da war noch ein Duft, blumig und süßlich, ein wenig wie Parfum – nein, es waren die Maiglöckchen, die das Baumbeet direkt vor ihrem Balkon besiedelt hatten. Sie erinnerten sie an ihre Oma, die immer Maiglöckchenparfum getragen hatte.

Jetzt kam ein Schwall aggressiven Rasierwassers dazu und vertrieb die Blumen. Miri schaute nach unten. Ein junger Mann, herausgeputzt und sorgfältig frisiert, schlenderte betont lässig die Straße entlang. Auch er schien Frühlingsgefühle zu haben, aber ob seine Duftwolke wirklich die Damen anlocken würde? Miri rümpfte die Nase. Man konnte alles übertreiben.

Jetzt hatte sie die Nase voller Rasierwasser. Zudem frischte der Wind auf, also ging sie zurück in ihre Wohnung und setzte heißes Wasser auf. Bis es kochte, konnte sie einen Tee aus ihrem gut gefüllten Regal aussuchen. Sie schnupperte sich durch die Packungen. Etwas Frisches, Frühlingshaftes… kein Zimtgeruch, das erinnerte sie an Weihnachten. Der Salbei aus dem Garten ihrer Mutter roch noch immer herrlich würzig, aber das war Tee, den man trank, wenn man krank war. Hagebutte? Zu langweilig. Beeren? Zu sommerlich.

Hier, was war das? Diesen Tee hatte ihr Cousin ihr bei seinem letzten Besuch mitgebracht. Sie öffnete die Packung und sog den Duft ein. Herrlich zart, ein bisschen herb, ein bisschen blumig…

So sollte Frühling riechen, dachte sie und nahm die Packung aus dem Schrank. Laut Anleitung sollte er mit nicht mehr kochendem Wasser aufgebrüht werden. Sie hatte also noch ein bisschen Zeit – ein Glück, denn jetzt stieg ihr ein anderer Geruch in die Nase, stechend und faulig. Der Biomüll wollte weggebracht werden.

Miri schlüpfte schnell in ihre Schuhe und lief in den Hof zur Tonne. Das Müllhaus roch wie immer streng, aber auf dem Rückweg bemerkte sie die vielen offenen Fenster. Im Erdgeschoss gab es heute Hühnchen, und irgendjemand mochte offenbar Knoblauch. Dazwischen hing, mehr eine Ahnung als eine eigene Duftnote, ein Hauch von frisch gepressten Orangen, der ein Lächeln auf Miris Gesicht zauberte.

Beschwingt stieg sie wieder in den ersten Stock und goss ihren Tee auf. Das Aroma breitete sich sofort in der ganzen Küche aus. Sie nahm die Tasse und ging wieder auf den Balkon. Inzwischen roch es dort wieder nur noch nach Erde, jungen Blumen und ganz, ganz zart nach der Petersilie, in deren dicken Wurzeln schon die Kräuter des neuen Jahres warteten.

Miri atmete den Duft ihres Tees ein und lächelte dem Frühling entgegen.

 

(28.02.2016, 539 Wörter. Jaja, eigentlich noch ein bisschen zu früh… aber man darf ja hoffen!)

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8 Kommentare

  1. Sehr schön, dass du das durchgezogen hast, nur die Gerüche zu beschreiben. Es wirkt, und man sieht die Dinge trotzdem, das Gras, den Tee, den Biomüll…
    Von den 539 Wörtern würde ich 2 weglassen: Wasser aufsetzen reicht, da ist es noch nicht heiss. Und dann: Hagebutte? Langweilig. (ohne „zu“)
    Geschmackssache ;)
    Grüsse aus der Schweiz

    1. Oh, danke für die Hinweise – da hast du natürlich recht. Ich werd’s korrigieren :-)

      Und natürlich vielen Dank für das Kompliment!

  2. Eine schöne olfaktorische Landkarte!

  3. 😊 Jetzt muss ich an Gras denken 😉

      1. Hat mich veranlasst, mein „Grass“ Gedicht doch zu veröffentlichen – jetzt gerade 🙃

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