Der erste Kaffee des Tages

Lärm. Laut, aufdringlich, viel zu nah. Tasten, suchen – finden. Verdammt, der Wecker. Verdammt, nicht zum ersten Mal. Verdammt. Dunkelheit zu dunkel. Sonne zu hell. Viel zu früh.

Hilft nichts. Raus, auf, Bad. Verdammt spät. Keine Zeit zum Aufwachen. Keine Zeit für Frühstück. Loslos. Schuhe. Mantel. Rausschleppen. Zum Bus. Zum Glück nur eine Linie. Dann umsteigen. U-Bahn verspätet…

Kaffee. Ich brauche Kaffee. Jetzt wäre Zeit. Schnell bestellen. Großer Becher, natürlich. Kleingeld? Zu anstrengend. Wechselgeld wird schon passen.

Mmm, der Duft! Der erste Schluck. Zu heiß, aber weitertrinken, pusten, trinken, ich brauche Koffein. Der Geschmack beißt auf meiner Zunge. Die Hitze brennt in meiner Kehle. Mein leerer Magen krampft sich um die Flüssigkeit.

Ich trinke weiter. Die U-Bahn fährt endlich ein, und ich schnappe mir einen Sitzplatz. Meine Hände umschlingen den heißen Kaffeebecher, klammern sich fest wie an einem Rettungsring. Das Koffein dringt durch meine Magenschleimhaut in mein Blut, weckt meinen Körper, bringt mein Gehirn in Schwung.

Viel zu schnell ist der Becher leer. Ich nehme den Deckel ab, lasse die letzten Tropfen auf meine Zunge rinnen, dann ist nichts mehr daran zu rütteln: Der Kaffee ist alle.

Zum Glück steige ich gleich noch einmal um, da ist wieder ein Kiosk, und ich werde drei Minuten Zeit haben – gerade genug, um einen zweiten Kaffee zu bestellen. Ich zähle die Stationen, die Minuten, bis ich aussteigen kann. Sofort laufe ich zum Kiosk – ein Glück, ich muss nicht anstehen. Eineinhalb Minuten später wechseln Kaffee und Kleingeld den Besitzer, und ich eile zu meinem Gleis, einen frischen, heißen Becher in der Hand.

Jetzt bin ich wach genug, das Aroma zu schmecken, mehr als nur heiß und bitter. Der Kaffee tut gut, ich mag seinen Geschmack, würzig und stark, er schmeckt schon nach Wachheit. Das Koffein strömt durch meine Adern, ich bin wach und wacher, alles wird klarer, als hätte jemand den Staub von der Realität gewischt. Die Luft ist durchsichtig, meine Augen sind scharf. Ich leere den zweiten Becker in einem Zug und spüre meinen Herzschlag den köstlichen Kaffee durch meine Körper pumpen, fühle die Sekunden ticken, spüre jeden Meter, den der U-Bahn-Zug zurücklegt, gleich bin ich da. Wann bin ich endlich da? Fährt die U-Bahn immer so langsam?

Ich stehe auf, kaum, dass wir die letzte Station vor meiner verlassen haben, warte an der Tür, mein Fuß wippt ungeduldig. Endlich fährt der Zug ein, ich greife nach dem Türöffner, ziehe am Hebel, obwohl wir noch nicht stehen. Manchmal funktioniert das, manchmal geht die Tür eine halbe Sekunde früher aus, und man kann aus der gerade noch fahrenden Bahn springen, vorwärts getragen von ihrem Schwung. Heute muss ich warten, bis der Zug komplett steht. Ich rucke am Griff, einmal, zweimal, endlich öffnet sich die Tür und ich laufe hinaus, bestimmt bin ich spät dran. Keine Zeit für einen Blick auf die Uhr, schnell zum Ausgang und ins Büro, weit ist es ja nicht. Meine Füße tragen mich schneller, als mein Geist ihnen folgen kann, aber das macht nichts, sobald ich im Büro bin, kann ich noch einen Kaffee trinken. Ich schließe die Tür auf, laufe die Treppe hoch, schnell den Mantel an den Haken, den PC anschalten, und noch während er hochfährt, gehe ich in die Kaffeeküche.

Herrlicher Duft empfängt mich, eine gute Seele hat gerade frischen Filterkaffee aufgesetzt, und ich nehme mir eine Tasse und bedanke mich im Stillen. Auf dem Rückweg ins Büro trinke ich, hastig und in großen Schlucken, ich habe viel vor heute, warum fährt der Computer so langsam hoch? Ungeduldig tippe ich mein Passwort ein, vertippe mich, muss es wiederholen, der Kaffee stärkt meine Konzentration, und endlich kann ich mit meiner Arbeit anfangen, jetzt bin ich wach, hellwach und bei klarem Verstand, nur der PC ist so viel langsamer als ich, ich bin versucht, ihm den letzten Schluck meines Kaffees zu geben, aber der Elektronik würde das wohl nicht gefallen und außerdem will ich ihn selbst trinken, köstlicher Kaffee, schon wieder vertippe ich mich, aber kein Problem, heute bin ich so schnell und fit, dass ich gern alles zweimal und dreimal und viermal schreiben kann, das Koffein treibt mich an und beschleunigt mich, Synapsen feuern auf Hochtouren, heute kann ich alles, heute schaffe ich alles, heute schwimme ich auf einer Welle aus Kaffee und Enthusiasmus, heute kriege ich alles hin.

Nur meine Finger, die zittern, und mein Herz, das pocht. Vielleicht war der dritte Kaffee doch zuviel des Guten?

 

(04./06.03.2016, 732 Wörter)

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6 Kommentare

  1. Tee, ich sage nur Tee! :-)

  2. So viel Kaffee… Mir wäre der erste schon zu viel gewesen. Naja, wer es mag, soll ihn halt trinken.

  3. Meiner ist immer so voller Milch, dass ich die aufweckende Wirkung nicht spüre …
    Mir gefällt vor allem der schnelle Anfang deiner Geschichte, der drängend bis zum zweiten Kaffee ist.
    Lieber Gruß!

  4. Trinke zwar keinen Kaffee – aber liest sich lecker an! 😊

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