Einer dieser Tage

Du stehst auf, und er liegt schon neben dir im Bett. Du kannst dich nicht daran erinnern, ihn eingeladen zu haben, und du wolltest ganz sicher nicht, dass er über Nacht bleibt, aber nun ist er hier. Du hast kaum die Augen geöffnet, da stupst er schon seine feuchte Nase in dein Gesicht. Der Geruch nassen Fells – warum ist er eigentlich immer nass? Er hält sich so gern in deiner Wohnung auf, deiner warmen, trockenen Wohnung, aber sein Geruch ist immer der gleiche – steigt dir in die Nase, und du hast schon jetzt keine Lust, die Augen zu öffnen und ihm ins Gesicht zu sehen. Du drehst dich weg, vergräbst den Kopf im Kissen, versuchst, dich zu verstecken, obwohl du weißt, dass du den Tag beginnen müsstest. Er liegt jetzt auf dir, nass und schwer, und leckt jeden erreichbaren Quadratzentimeter deiner Haut, als würde er sich freuen, dich zu sehen. Du weißt, du musst aufstehen, doch er ist so schwer, und du hast Angst dein Gesicht zu entblößen, hast Angst vor seinem feuchten Hundeatem. Wenn schon das Aufstehen so schwer ist, wie wird der Rest des Tages werden? Du willst nicht darüber nachdenken, willst dich aufraffen, aber er kuschelt sich an dich und legt seine Pfoten auf deine Schultern, und du weißt, dass er dich heute nicht mehr allein lassen wird.

Du hast es auf die Arbeit geschafft, und es läuft eigentlich ganz gut. Du hast das wichtige Projekt rechtzeitig abgeschlossen, du hast dein E-Mail-Postfach endlich mal wieder aufgeräumt, und deine Kollegin hat sich über deine Hilfestellung bei der Monsteraufgabe, die der Chef ihr aufgebrummt hat, sehr gefreut. Der Tag sieht vielversprechend aus. Außerdem ist gleich Mittagspause, deine Kollegen fragen schon im Gang herum, wer mit zum Imbiss gegenüber geht. Gerade überlegst du, ob du dich ihnen anschließt oder lieber die Nudeln von gestern nochmal in die Mikrowelle schiebst, als er unter deinem Schreibtisch hervorkommt und seinen Kopf in deinen Schoß legt. Du möchtest am liebsten aufstehen und vor ihm weglaufen, aber das kannst du vor Feierabend schlecht machen, und sein Kopf ist ohnehin so schwer, dass du dich kaum bewegen kannst. Jetzt schiebt er sich weiter vor, stellt sich auf die Hinterbeine und setzt die Vorderpfoten auf deine Knie. Seine Schnauze ist n deinem Gesicht, sein nachtschwarzer Pelz und die trüb schimmernden Augen füllen dein Gesichtsfeld aus, und sein feuchter Atem weht in deine Lunge. Da ist er wieder, dieser Geruch. Du lehnst dich zurück, um ihm auszuweichen, aber die Lehne deines Schreibtischstuhls hält dich auf. Er lehnt sich gegen dich, beinahe zärtlich und ungeheuer schwer. Er presst deine Brust zusammen mit seinem Gewicht. Jemand ruft auf dem Gang deinen Namen, fragt, ob du mitkommst, aber du bekommst keine Luft, du kannst kaum atmen, geschweige denn antworten, und nach einer Weile geben deine Kollegen auf und gehen ohne dich los. Jetzt bist du mit ihm allein im Büro. Du versuchst aufzustehen, von ihm wegzukommen, aber er lässt dich nicht einmal allein auf die Toilette gehen. Du versuchst die Zeit wenigstens produktiv zu nutzen, aber du kannst kaum die Tastatur erreichen. Eine Mail erreicht dein Postfach, und du versuchst sie zu lesen, aber sein großer, schwarzer Kopf ist im Weg, und du kannst kaum den Absender erkennen. Jetzt schmiegt er sich auch noch an dich. Du schließt die Augen, hoffst, dass er von alleine geht, wenn du ihn ignorierst, aber er lehnt sich auf dich und fährt mit seiner Zunge über dein Gesicht, hechelt freundlich, fühlt sich ganz offensichtlich wohl.

Du hast den Tag fast hinter dich gebracht, bist schon auf dem Heimweg, in Gedanken beim Abendessen oder vielleicht sogar schon beim Wochenende, da trabt er aus dem Gebüsch und ist an deiner Seite. Er lehnt sich gegen deine Beine, drückt sich an dich, und du musst langsamer gehen, um nicht zu fallen. Während deine Schritte kürzer werden, deine Füße dich nicht mehr vorwärts tragen, springt er voller Elan an dir hoch, atmet seinen Hundedunst in dein Gesicht. Du willst nur noch nach Hause, doch der Weg scheint auf einmal unendlich weit, wenn jeder deiner Schritte dich so viel Kraft kostet. Es wird immer anstrengender, mit ihm, an ihm vorbei, um ihn herum zu gehen. Irgendwann möchtest du dich einfach nur noch hinsetzen, hier am Straßenrand, warum auch nicht? Einfach nur hinsetzen und ausruhen, und vielleicht geht er, wenn du lange genug stillhältst. Vielleicht wirst du ihm langweilig. Du weißt, das das nicht stimmt, aber der Gedanke ist verlockend und das Gehen so anstrengend. Einfach stehenbleiben, sich hinsetzen, aufgeben… Du brauchst all deine Energie, um es bis nach Hause zu schaffen, und wenn du endlich angekommen bist, kannst du dich zu nichts mehr aufraffen. Irgendwann schleppst du dich ins Bett, und er springt neben dich, macht es sich auf dir gemütlich und stupst dich an. Jetzt hast du ja Zeit, scheint er sagen zu wollen, jetzt kannst du dich um mich kümmern. Du schließt die Augen und hoffst auf Schlaf, aber alles, was du spürst, ist seine schwere, feuchte Zunge auf deinem Gesicht.

Es ist einer dieser Tage, an denen er wieder da ist, der schwarze Hund. Und wenn du abends schlafen gehst, weißt du nie, ob er morgens in deinem Bett aufwacht.

 

(13.03.2016, 865 Wörter)

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2 Kommentare

  1. Ja, diese Tage … toll beschrieben!

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