Einbruch mit Hindernissen (Teil 1)

Andru schlenderte die dunkle Straße entlang, eine Hand in der Hosentasche, die halb geschlossenen Augen aufmerksam auf die verschlossenen Gartentore gerichtet. Nirgends war ein Wachmann zu sehen, und die Straße war wie ausgestorben. Sehr gut. Als er an der kleinen Baumgruppe am Rand des Bürgersteigs ankam, schlüpfte er, statt daran vorbeizugehen, mitten in das dichte Grün hinein und ging in die Hocke. Für eine Weile hielt er still und lauschte, doch niemand näherte sich. Noch besser. Es schien, als wäre er tatsächlich nicht bemerkt worden.

Langsam, leise richtete er sich auf und warf einen letzten Blick auf die menschenleere Straße. Dann griff er nach einem niedrigen Ast und zog sich mit Schwung nach oben. Ein paar Handgriffe später, und er konnte den oberen Rand der Mauer erreichen. Er schob sich vorsichtig einen Ast entlang darauf zu und spähte in den Garten.

Auch hier war niemand zu sehen. Der Rasen, der mal wieder gemäht werden müsste, war leer bis auf ein paar vereinzelte Büsche. Er konnte keinen Wachdienst sehen, und alle Fenster des herrschaftlichen Hauses waren dunkel. Wenn das, was er herausgefunden hatte, stimmte, wohnte hier nur eine Person, eine ältere Frau, die so menschenscheu war, dass sie nicht einmal Personal hatte. Nur einmal die Woche kam eine Putzfrau – gerade heute war sie dagewesen, sodass er hoffte, keinen Staub vorzufinden, in dem er verräterische Spuren hinterlassen könnte

Vermutlich wurde der größte Teil des Hauses nicht einmal benutzt. Er stellte ihn sich voller uralter, mit fadenscheinigen Laken abgedeckter Möbel vor. Vielleicht würde er dort noch ein paar Silberleuchter oder wertvolle Gemälde finden. Das war aber nicht sein eigentliches Ziel. Die Frau war, nach allem, was er wusste, steinreich, aber sie hatte kein Bankkonto und gab fast kein Geld aus. Sie aß wie ein Vogel, und ihr einziger Luxus, wenn man ihn so nennen konnte, war die Putzfrau.

Das Geld musste also irgendwo in diesem Haus liegen. Und da sie es sowieso nicht brauchte, war Andru fest entschlossen, sich seiner anzunehmen. Geld wollte schließlich unter die Leute…

Er schob die Füße über die Mauer, drehte sich ein bisschen und ließ sich dann auf den Rasen fallen. Das Gras fing ihn sanft auf, und sein Sprung hatte kein Geräusch gemacht. Das lief ja wie am Schnürchen!

Andru huschte über den Rasen, immer aufmerksam, ob nicht doch noch jemand auf dem großen Grundstück wach war, doch da war niemand. Außer…

Ein Knurren. Andru erstarrte mitten in der Bewegung. Verdammt. Hatte sie etwa einen Hund? Warum hatte er den nie bemerkt? Er hielt den Atem an. Das Knurren wurde lauter. Woher kam es? Wo war das Tier?

Er wandte sich vorsichtig um. Der Rasen war so leer und unberührt wie zuvor. Doch das Knurren kam ganz aus der Nähe… Aus dem Haus?

Sein Blick fiel auf die Fassade, von der er nur noch wenige Meter entfernt war, und wanderten langsam nach oben. Die Fenster waren noch immer dunkel und verschlossen. Doch über dem Erdgeschoss verlief ein breiter Sims, auf dem in regelmäßigen Abständen Skulpturen standen – allerlei Fabelwesen, Drachen und Greife und namenlose Monster. Er hatte sie für Dekoration gehalten, oder vielleicht für Wasserspeier. Nun aber hätte er schwören können, dass eines von ihnen ihn direkt anstarrte und knurrte.

Er schüttelte den Kopf. Das musste Einbildung sein. Irgendwo lauerte ein Hund, ein ganz normaler Hund aus Fleisch und Blut, da konnte er sich nicht mit Hirngespinsten aufhalten.

Doch jetzt duckte sich das Monster – ein Biest mit Löwenkopf und Drachenschwanz und, so unpassend das aussah, den Hinterhufen einer Ziege – und bleckte die Zähne. Andru schluckte. Das Biest lebte also tatsächlich.

Es war doch so glatt gelaufen, war sein letzter Gedanke. Dann sprang das Monster von seinem Sims, direkt vor seine Füße.

 

(27.03.2016, 617 Wörter. Fortsetzung folgt…

EDIT: Fortsetzung da!)

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3 Kommentare

  1. Geschichten über Monster sind immer gut. ;-)

    1. Es sei denn, man ist der Protagonist… ;-)

  2. Ha! :-)
    In was bin ich jetzt hier geraten?

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