Einbruch mit Hindernissen (Teil 3)

(Teil 1; Teil 2)

Andru betrachtete das Juwel in seiner Hand genauer. Der Diamant funkelte in allen Farben des Regenbogens, wenn man ihn ins Licht hielt – er war sicher ein hübsches Sümmchen wert –, aber wenn er einen Schatten darauf warf, konnte er erkennen, dass etwas in die größte Facette eingeschliffen war. Er hob den Stein ans Auge. Es war ein einzelnes Zeichen, eine magische Rune, und schon beim Betrachten kribbelte ihre Kraft in seinem Rückgrat. Der Diamant musste das sein, was der Statue ihr Leben verliehen hatte.

Andru steckte ihn in die Tasche und grinste. Allein mit dieser Beute hatte es sich fast schon gelohnt, und er überlegte kurz, ob er abhauen und einen Hehler für magische Artefakte aufsuchen sollte. Doch er brach ungern eine Aktion ab, die er so gut geplant hatte. Die alte Dame hatte offensichtlich teuer für ihre Sicherheit bezahlt – ein weiterer Anhaltspunkt dafür, dass es auf ihrem Grundstück einen wahren Schatz zu heben gab.

Also weiter. Wenn es noch mehr dieser Wächter-Statuen gab, wusste er jetzt immerhin, wie er mit ihnen umzugehen hatte. Er gab der Chimära einen sanften Tritt in den Hintern und ging wieder auf das Haus zu.

Kurz überlegte er, ob er den anderen Statuen ihre Diamanten abnehmen sollte, beschloss dann aber, dass es erst einmal der Aufregung genug gewesen war. Er sah sich noch einmal um, ob der Kampf irgendjemandes Aufmerksamkeit erregt hatte, und schlich dann zu dem Fenster, über dem das Monster gelauert hatte. Hier sollte der Einstieg jetzt sicher sein.

Mit geübten Fingern tastete er den Rahmen ab, doch da war nichts locker. Kein Problem. Den Fensterladen löste er mit einem Schraubenzieher aus den Scharnieren und stellte ihn ordentlich gegen die Wand. Dann setzte er den Glasschneider an.

Zwanzig Sekunden später stand er in dem dunklen, staubigen Zimmer. Die Möbel waren mit Laken bedeckt, und es sah genau so verlassen aus, wie er das erwartet hatte. Rasch prüfte er alles. Ein Sofa, zwei Sessel, ein niedriges Tischchen – das Zimmer war wohl eine Art Salon gewesen. An der Wand stand eine Anrichte. Hier zog er das Laken zur Seite und durchsuchte die Schubladen, doch sie waren leer. Der Reichtum musste weiter im Inneren sein. Andru tippte auf den Keller.

Die Tür war nicht abgeschlossen. Er ließ sie angelehnt, um später den Weg nach draußen zu finden, und schlich im Licht seiner handlichen Taschenlampe den langen Gang entlang. Nach links musste es nach vorne gehen, zum Haupteingang und vermutlich auch in die noch bewohnten Zimmer, also wandte er sich nach rechts. Am Ende des Ganges, so hoffte er, würde er eine Dienstbotentreppe finden, die ihn nach unten brächte.

Und unten, das wusste er aus Erfahrung, waren die interessantesten Räume. Weinkeller, Vorratskammern – und Schatzkammern.

Der Gang war erstaunlich lang. Andru konnte sich gar nicht daran erinnern, dass das Haus von außen so groß ausgesehen hatte, aber vielleicht war das auch nur eine optische Täuschung, weil es hier so viele Türen gab. Er hatte schon dreiundzwanzig auf jeder Seite gezählt. So viele Zimmer! Und das Ende des Ganges schien nicht näher zu rücken. Dabei hatte sich die abschließende Wand schon seit einer Weile aus der Dunkelheit geschält, und er konnte bereits das Muster auf ihrer Tapete erkennen. Weit konnte es wirklich nicht mehr sein, es waren nur noch… Er versuchte, die vor ihm liegenden Türen zu zählen, kam aber immer wieder durcheinander. Waren es noch fünf? Sieben? Zwölf? Alle diese gleich aussehenden Türen in dem dämmrigen Gang, und der Strahl seiner Lampe schien immer wieder abzurutschen. War er nun fast da oder kaum vorangekommen?

Er blieb stehen und schüttelte den Kopf. Hier stimmte etwas nicht. Dreißig Türen auf jeder Seite, und das nur in eine Richtung. Dreißig Zimmer nebeneinander, und jedes mindestens drei Meter breit – dann müsste das ganze Haus ja fast zweihundert Meter lang sein! Das wäre ihm aufgefallen.

Verdammt. Das musste ein weiterer Schutzzauber sein. Was auch immer die alte Frau in ihrem Haus versteckte, es musste enorm wertvoll sein… Aber wie kam er heran, wenn er in diesem verhexten Gang festsaß?

 

(10.04.2016, 672 Wörter

EDIT: Weiter geht’s!)

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