Traurige Musik

Immer wenn ich meiner Arbeit nachgehe, höre ich traurige Musik. Ich bin froh und dankbar, dass ich dieses Privileg habe. Viele Leute würden gern mit Musik arbeiten, und manche wären vielleicht sogar besser – welcher graue Büroalltag ließe sich nicht durch einen fröhlichen Song aufheitern? Und würden beschwingte Angestellte nicht besser arbeiten als niedergedrückte? Doch die meisten Arbeitsstellen erlauben keine Musik.

Das ist wohl der größte Vorteil der Selbständigkeit: Dass mir niemand vorschreiben kann, wie ich meinen Job erledigen soll, solange ich ihn erledige. Und ich mache ihn mit Musik, mit trauriger Musik, und ich mache ihn gut.

Manche wundern sich, dass ich nur traurige Musik höre. Dabei stimmt das nicht einmal, in meiner Freizeit höre ich gern heitere Musik, und manchmal, wenn ich tanzen gehe, einfach nur diese geistlos gutgelaunte Partymucke – zum Abfeiern ist das genau das richtige. Aber bei der Arbeit muss es Trauriges sein, ich weiß selbst nicht genau, warum.

Ist es, weil mich heitere Musik ablenkt, während ich mich bei trauriger Musik besser konzentrieren kann? Es macht Spaß, mit einem ansteckenden Beat mitzuwippen, aber im entscheidenden Augenblick ist ein langsamer, schwermütiger Rhythmus besser, der meinen Finger nicht zu früh zucken lässt. Für meine Arbeit muss ich meinen eigenen Rhythmus finden, zwischen meinem Herzschlag und dem Atem meines Ziels. Die Musik darf mich nicht daran hindern, diesen Kontrapunkt zu finden, und das ist auch der Grund, warum die meisten meiner Kollegen lieber ganz auf Musik verzichten. Es gibt wenig Musik ganz ohne Rhythmus. Doch mir fällt es leicht, diesen dritten Rhythmus auszublenden und mich ganz darauf zu konzentrieren, wann mein Einsatz ist. Nur traurig, traurig muss die Musik sein.

Dabei kann es nicht nur um das Tempo gehen. Traurige Musik kann auch schnell sein, wie jeder weiß, der schon einmal Chopin gehört hat. Nein, es geht nur um die Stimmung. Um zu zielen und zu treffen muss ich in einer ganz bestimmten Stimmung sein, meines Körpers und meiner Umgebung völlig gewahr und doch von ihnen ausreichend losgelöst, dass ich all meine Berechnungen nüchtern und mit klarem Kopf machen kann. Ich darf nicht zu heiß und nicht zu kalt sein, muss den Wind spüren, ohne von ihm getrieben zu werden. Traurige Musik bringt mich in diese Stimmung.

Vielleicht, weil ich selbst keinen Grund habe, traurig zu sein? Vielleicht ist es diese emotionale Distanz, die mir die professionelle Distanz erlaubt und erschließt.

Oder ist es, weil ich durchaus selbst meine eigene Trauer in mir trage, verschlossen und vergraben, tief in meiner Seele, und erst die Musik erlaubt es mir, durch die Trauer des fremden Musikers, mir meine eigene Traurigkeit einzugestehen? Vielleicht brauche ich diese Ehrlichkeit zu mir selbst, um meine Arbeit mit voller Konzentration und Integrität zu machen.

Und vielleicht, ganz vielleicht – aber das ist eine Möglichkeit, die ich nicht gern in Betracht ziehe, die ich in einer schweren Kiste eingeschlossen und am Grunde meines Herzens vergraben habe – vielleicht ist es aus Respekt vor denen, die meine Arbeit traurig macht. Denn bei aller Distanz weiß ich doch, so ungern ich darüber nachdenke, dass ein jedes meiner Ziele eine Familie hat, Freunde, Vertraute, dass ihr Tod in deren Leben ein Loch hinterlassen wird, das vielleicht traurige Musik inspirieren, aber durch sie nie gefüllt werden mag.

Vielleicht brauche ich diesen Respekt.

Nicht, um meine Arbeit zu tun.

Um meine Seele zu retten.

Vielleicht brauche ich traurige Musik, damit ich um die trauern kann, die meiner Arbeit zum Opfer fallen. Und danach ohne Gewissensbisse weiterzuleben, heitere Musik zu hören, Partys zu feiern. Und die schwere, verschlossene Kiste am Grunde meines Herzens einen weiteren Tag zuhalten zu können.

 

(16.01.2013, 598 Wörter. Heute mal was altes, ich hab’s einfach nicht geschafft… Dafür passt es zufällig ganz wunderbar zu Nandalyas Geschichte, die auch sehr lesenswert ist.)

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6 Kommentare

  1. Das Leid der Selbstständigen. ;-)

    1. Kannste ein Lied von singen, was? ;-) Aber hoffentlich kein trauriges!

      1. Ich habe den Schritt nie bereut. Er bietet mir alle Freiheiten, die ich in einem Büro niemals hätte.

  2. Das kommt mir …
    vertraut vor, was ich da lese ;-)
    Truarig würde ich die Musik selbst nicht nennen, die ich beim Schreiben höre – schon eher melancholisch … Aber berühren muss sie, irgendwo in mir etwdas anstoßen, was mir hilftm die Worte fließen zu lassen. Seltsam, mit schnellen „fröhlichen“ Klängen gelingt das nicht …

    1. Vielleicht, weil es auch zum Schreiben eine gewisse Ruhe braucht? Da ist allzu aufgekratzte Musik eher kontraproduktiv. Geht mir zumindest so. Übersetzen kann ich aber gut zu flotter Musik, wie ich festgestellt habe. Schon komisch, wie das menschliche Gehirn so funktioniert…

      Danke fürs Lesen und Kommentieren :-)

  3. Sehr schön…
    Und ich *mache* traurige Musik, wenn ich meinem ebenfalls selbstständigen Beruf nachgehe. Das Tolle ist, selbst, wenn meine Schüler nicht üben, bleibt die Musik traurig, nur von einem anderen Standpunkt aus.

    Achja! Und falls mal die Patronen zu neige gehen – ich hätte noch Klaviersaiten anzubieten ;)

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