Warme Luft steigt auf

Mit der Sonne scheint alles leichter zu werden. Die Luft erwärmt sich, steigt nach oben, trägt den Duft der Blüten mit sich, den Geruch von Erde und Gras, von Fruchtbarkeit und neuem Leben. Goldene Strahlen bringen Moleküle zum Schwingen und Insekten zum Tanzen. Die Luft wird wärmer und steigt, und mit ihr erwärmt sich mein Herz, steigt meine Stimmung.

Mit der Sonne scheint alles weicher zu werden. Die Welt ist licht und sanft. Die Bäume blühen, leuchten mit dem Himmel um die Wette, die weiß gelb rosafarbenen Blättchen verwischen ihre Konturen, lassen die harten Kanten der Äste verschwinden. Wärme legt sich auf mein Gesicht, hüllt mich ein wie eine schützende Decke. Das weiche Gras nimmt mich auf, kitzelt sanft und legt sich dann unter meinem Körper zu einem Polster. Ein Windhauch fährt zart über mein Gesicht, auch er warm und sonnig und ohne jede Schärfe. Er streicht, streichelt, liebkost, und meine Züge werden weicher, meine Muskeln entspannen sich, nur meine Mundwinkel ziehen noch, auch sie nach oben.

Mit der Sonne scheint alles weiter zu werden. Der Himmel ist blau und offen, die Wölkchen weit weg. Sie enthalten keine Bedrohung, nur das Versprechen ferner Länder, aus denen sie Wasser bringen und über die sie noch reisen werden. Die warmen Strahlen auf meiner Haut schmelzen die letzten Reste des Winters von meiner Seele, befreien sie von dem Panzer, den sie gegen Dunkelheit und Kälte aufgebaut hat. Ich liege auf der Wiese, offen und verletzlich und ohne jede Angst.

Mit der Sonne scheint alles einfacher zu werden. Die Luft schmeichelt um meine Haut, bietet keinen Widerstand, wenn ich hindurch laufe. Der Wind liebkost mich, anstatt mich zu schneiden, trägt mich vorwärts, anstatt mich zu bremsen, stärkt mir den Rücken, anstatt mich zu beugen. Das Licht der Sonne blendet mich nicht, selbst wenn es meine Augen trifft. Die Wurzeln der Bäume stellen sich meinen Füßen nicht in den Weg, sondern bieten festen Tritt. Die kühlen Schatten, die ihre Stämme und Äste werfen, lauern mir nicht mehr auf, die letzte Wärme aus meinen Knochen zu stehlen, sondern heißen mich willkommen und ich sie.

Mit der Sonne scheint alles freundlicher zu werden. Ein Lächeln ist schneller auf meinen Lippen, schneller in meinen Augen, springt schneller aufs Gesicht des nächsten, des Passanten, des Mitwartenden, des Mitfahrenden, und ich wünsche ihm eine gute Reise, dem Menschen wie dem Lächeln. Ein versehentlicher Rempler ist schneller verziehen, eine Schlange leichter abgewartet, eine Verspätung nicht mehr lästiges Hindernis, sondern Zeit zum innehalten. All die vielen Menschen, denen ich Tag für Tag begegne, begegnen muss, sind nicht mehr unwichtiger Hintergrund oder lästiges Hindernis, sondern Personen, Persönlichkeiten, echte Menschen, die sich ebenso wie ich am Wetter freuen. Ich kann es in ihren Gesichtern sehen, die ebenso entspannt aussehen wie meines sich anfühlt, an den Blicken, die wir wechseln. Die Bäckerin wechselt ein paar Worte mit dem Kunden vor mir in der Schlange, und statt mich zu ärgern, dass sie so lange brauchen, freue ich mich, dass sie sich über ihren morgendlichen Austausch zu freuen scheinen.

Mit der Sonne scheint alles wärmer zu werden. Die Blicke, die Worte, die Herzen, die Luft.

Und warme Luft steigt auf.

 

(01.05.2016, 523 Wörter. Ich wünsche euch allen einen wunderschönen Frühling.)

Advertisements

2 Kommentare

  1. Und ich dir auch 😊

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: