Einbruch mit Hindernissen (Teil 5)

(Teil 1; Teil 4)

Noch einmal wollte Andru nicht auf die Tricks des Zauberers, der dieses Haus geschützt hatte, hereinfallen. Er prüfte die Wände, das Treppengeländer und sogar die ausgetretenen Stufen sorgfältig, doch er konnte keine weiteren Runen entdecken. Natürlich verzögerte das sein Vorankommen, aber wohl weniger, als wenn er noch einmal Stunden in einer Schleife wie vorhin im Gang verbrächte.

Jedenfalls erreichte er ohne jeden weiteren Zwischenfall den Keller. Eine kleine Tür aus dunklem Holz schloss den untersten Treppenabsatz ab. Er drückte die Klinke herunter. Die Tür rührte sich nicht. Kein Problem für einen erfahrenen Einbrecher wie ihn… Andru zog das Dietrich-Set aus seiner Tasche und machte sich im Licht seiner Lampe an die Arbeit.

Das Schloss schien alt zu sein, das Metall von Patina bedeckt. Andru tastete vorsichtig mit einem Dietrich nach den Stiften. Sie bewegten sich überraschend leicht; das Schloss wurde offensichtlich regelmäßig geölt, oder zumindest so häufig benutzt, dass nichts festrosten konnte. Umso besser für ihn, auch wenn das hieß, dass er sich vermutlich beeilen sollte – wenn diese Tür häufig benutzt wurde, hieß das, dass jeden Moment jemand kommen könnte. Doch Andru hatte das Treppenhaus gründlich erforscht, sodass er sowohl wusste, dass ein ungebetener Gast nur aus einer Richtung kommen konnte, als auch, in welchem Winkel er sich in einem solchen Fall am besten verstecken konnte.

Das Schloss also. Andru kniete sich davor, die Lampe in der Linken, und machte sich an die Arbeit. Sorgfältig, methodisch, wie er es schon so oft gemacht hatte, tastete er sich von Stift zu Stift, erkundete das Innenleben des Schlosses mit seinen Dietrichen. Und Stift für Stift rastete in eine neue Position, bereitete das Schloss darauf vor, sich zu öffnen und ihm den Weg freizugeben zu den Schätzen, die dahinter lagern mussten… Andrus Herz klopfte vor Aufregung und Vorfreude, aber er zwang sich, konzentriert weiterzuarbeiten und dabei das Lauschen nicht zu vergessen. So kurz vor dem Ziel erwischt zu werden wäre doch zu frustrierend.

Etwas klickte im Schloss und verschob sich. Andru grinste triumphierend. Das Schloss musste noch geschmiedet werden, das er nicht knacken konnte… Er drehte die Dietriche und griff nach der Klinke.

Die Tür rührte sich nicht.

Was zum…? Andru rüttelte an der Klinke. Klemmte die Tür? Das Schloss war doch so gut in Schuss. Nein, da bewegte sich nichts. Das Schloss war offensichtlich noch immer nicht offen.

Er zog die Dietriche wieder heraus und spähte in das dunkle Loch. Zu seiner Überraschung fielen die Stifte nicht wieder zurück in ihre Ausgangsposition. Klemmte das Schloss etwa? Er holte ein Fläschchen Öl und einen kleinen Pinsel hervor und ölte das Schloss sorgfältig ein. Hatte es daran gelegen?

Er leuchtete in die Öffnung. Die Stifte hingen, wo er sie mit den Dietrichen hingeschoben hatte. Wenn er die Lampe etwas schräg hielt, bildeten ihre Umrisse eine Art Muster, fast wie eine…

Verdammt. Da war schon wieder eine von diesen vermaledeiten Runen, und dieser miese Hund von einem Zauberer hatte sie im Schloss versteckt. Es musste zwei Einrastpunkte geben, und er hatte natürlich prompt den falschen erwischt und irgendeine Falle ausgelöst…

Aber welche? Hektisch sah er sich um, doch er konnte weder ein Monster entdecken noch eine Wache, die eventuell alarmiert worden wäre. Auch die Tür und das Treppenhaus sahen aus wie vorher. Was hatte die Rune ausgelöst?

Egal. Er würde das vermutlich früher herausfinden, als ihm lieb war; jetzt musste er erst einmal so schnell wie möglich die Rune wieder zerstören und die Kombination finden, die das Schloss tatsächlich öffnete.

Er machte sich wieder an die Arbeit. Das Fluchen, nach dem ihm allzu sehr zumute war, unterdrückte er. Schließlich wusste er noch immer nicht, wen die Rune womöglich alarmiert hatte – oder was…

 

(08.05.2016, 609 Wörter

EDIT: Teil 6!)

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2 Kommentare

  1. Mich hat die Rune zumindest zum lesen animiert. :-)

    1. Das ist schon mal ein guter Effekt :-)

      Vielen Dank!

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