Einbruch mit Hindernissen (Teil 6)

(Teil 1; Teil 5)

Andru arbeitete so schnell er konnte, doch das Schloss war komplexer, als es aussah. Es auf die Rune zu stellen, war einfach gewesen – vermutlich hatte der Schlosser genau das beabsichtigt. Es tatsächlich zu öffnen, dauerte eine Ewigkeit. Zumindest kam es ihm so vor. Noch dazu hielt er alle paar Augenblicke inne und lauschte, ob jemand kam.

Oder etwas. Er hatte die Steinchimära nicht vergessen, oh nein.

Endlich rastete der letzte Stift ein, die Dietriche drehten sich im Schloss, und ein Druck auf die Klinke ließ die Tür auf gut geölten Scharnieren aufschwingen.

Andru stand auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann verstaute er die Dietriche wieder sorgfältig in ihre Etui, nahm die Lampe in die linke und sein Messer in die rechte Hand und betrat den Kellerraum. Vorsichtig leuchtete er alle Ecke aus. Der Raum war groß, was nicht überraschend war bei diesem herrschaftlichen Haus, aber fast komplett leer. Der vordere Teil wurde von Vorratsregalen und Weinfässern beherrscht, doch die meisten Fässer hatten nicht einmal einen Stopfen und waren offensichtlich leer, und in den Regalen standen nur vielleicht zwei oder drei Dutzend Gläser mit Eingemachtem.

Andru schaute sich ungläubig um. All dieser Aufwand, um einen fast vollständig ausgeräumten Vorratskeller zu schützen? Das konnte doch nicht alles sein. Er trat an ein Regal heran und ließ den Strahl seiner Lampe über die Gläser wandern. Kirschen, Kompott, Mixed Pickles, irgendetwas Undefinierbares, Gelbliches, das in Würfel geschnitten war… Augenscheinlich ganz normale Vorräte. Die Deckel waren von einer dünnen Staubschicht bedeckt, ebenso wie die Regalbretter.

Dieser Keller sah aus, als sei er schon lange nicht mehr betreten worden. Warum aber waren dann der Gang dorthin und die Tür so gut geschützt, und warum waren Schloss und Scharniere so sorgfältig geölt?

Ihm kam ein Gedanke. Er richtete den Strahl der Lampe nach unten und betrachtete eingehend den Boden. Er war mit Steinplatten ausgelegt, die auf den Wegen, die man zu Fässern und Regalen gehen musste, glatt gelaufen waren. Auf der matt glänzenden Oberfläche war kein Staubkorn zu sehen. Unter den Fässern dagegen, wo auch noch die ursprüngliche Rauheit des Steins zu erkennen war, hatte sich der Staub von Jahren gesammelt.

Der Keller wurde also noch benutzt, aber offensichtlich nicht als Vorratskeller. Andru ging langsam weiter hinein. Kein Staub im Mittelgang zwischen den Regalen. Ein grauer Schleier auf den Seitengängen, die sie bildeten. Er richtete die Lampe nach vorne. Nach etwa sechs oder sieben Regalreihen öffnete sich ein größerer freier Raum. Der staubfreie Pfad führte bis dorthin.

Andrus Herz klopfte. Da hinten war also etwas, das noch immer benutzt wurde. Er schlich vorsichtig weiter, immer noch auf unangenehme Besucher lauschend.

Dann sah er sie.

Eine Holztruhe, mindestens zwei Meter breit und etwas mehr als kniehoch. Sie war mit schweren Eisenbeschlägen versehen, und die Schlösser daran glänzend wie frisch poliert.

Andru schluckte. Die Truhe schrie beinahe „Ich enthalte Wertgegenstände!“. Hier musste der Schatz der Hausherrin lagern. Vermutlich misstraute sie den Banken und kam nur hierher, wenn sie Geld brauchte. Dann, er konnte sich das bildlich vorstellen, stieg sie hier herunter, mit einem Bund voller komplizierter Schlüssel, durch den Gang, den sie von einem Magier hatte schützen lassen, und öffnete das Runenschloss, dann diese Truhe, nahm eine genau abgezählte Menge Gold heraus und verschloss alles wieder, in ständiger Angst vor Einbrechern, Investmentbankern und anderen goldgierigen Zeitgenossen.

Die arme Alte. So ein Schatz war für sie sicher fast mehr Last als Freude. Und ein paar Handvoll Gold würde sie sicher nicht vermissen… Nur so viel, wie er tragen konnte. Die ganze Truhe war natürlich viel zu groß, doch zum Glück hatte er ein paar handliche Säcke dabei.

Er kniete sich hin und holte wieder die Dietriche heraus. Zwei Schlösser nur noch trennten ihn vom Lohn seiner Mühen. Und dieses Mal würde er vorsichtiger sein und keine versteckte Rune auslösen, nahm er sich vor…

 

(15.05.2016, 638 Wörter.

EDIT: Der letzte Teil ist online!)

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7 Kommentare

  1. Hey 😊

  2. Wie geht’s Dir in der Sendepause?..

    1. Es geht schon besser… Immer noch stressig, aber es geht aufwärts :-) Danke der Nachfrage!

      Ich hoffe, dir geht’s auch gut?

      1. Mir geht es gut, danke. Stets was zu tun oder drüber nachzudenken oder danach zu streben…
        Das Leben halt 😊

      2. :-)

        Ich sehe auch, dass du zur Zeit viel schreibst – oder zumindest viel auf dem Blog veröffentlichst. Finde ich gut :-)

      3. Danke.
        Manches ist rebloggt – Sachen aus meinen unterschiedlichen alten Blogs, die nicht mehr online sind.
        Aber vieles ist auch neu..

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