Einbruch mit Hindernissen (Teil 7)

(Teil 1; Teil 6)

Andru richtete den Strahl seiner Lampe auf das linke Schlüsselloch und spähte hinein. Kurz hielt er inne und lauschte, aber wenn ihn jetzt noch niemand entdeckt hatte, würde sicher auch niemand mehr kommen. Es kam jetzt darauf an, ruhig und sorgfältig zu arbeiten. Hektik würde ihn nur schlampig machen, und wer wusste schon, was die nächste Rune auslösen würde? Womöglich, fiel ihm ein, wirkte auch die Rune in der Kellertür erst in Verbindung mit einer im Koffer. Die mageren Vorräte vorn in den Regalen waren einen solchen Schutz schließlich nicht wert.

Vorsicht, Ruhe und Sorgfalt, also. Andru atmete noch einmal tief durch, dann steckte er den ersten Dietrich ins Schloss.

Der este Stift. Andru schob ihn vorsichtig nach oben und prüfte immer wieder, ob er etwas damit auslöste. Aha. Es schien zwei Punkte zu geben, an denen der Stift etwas aufschließen könnte – einer davon musste Teil der Falle sein. Andru spähte in das Loch und versuchte abzuschätzen, welche Position Teil einer Rune sein könnte.

Magier müsste man sein, dachte er, dann wüsste er, wie die Rune aussehen müsste. Doch so hatte er keine Chance, etwas zu erkennen. Er würde wohl einfach weiter herumprobieren müssen. Aber vermutlich war die zweite Position die sichere – oder? Schließlich würden die meisten Schlossknacker an dieser Stelle aufhören weiterzusuchen. Andru klemmte den Stift fest und machte sich an den nächsten.

Immer wieder prüfte er, ob er im Schlüsselloch ein Muster erkennen konnte, das auf eine Rune hindeutete, doch es schien, als sei er noch sicher.

Der vorletzte Stift. Andru schob den Dietrich behutsam tiefer ins Schloss, hob das Metall an – und erstarrte.

Wortwörtlich.

Er konnte keinen Muskel mehr rühren, nicht einmal mehr mit dem Finger zucken oder blinzeln, und so starrte er gelähmten Auges auf die winzige Rune auf dem letzten Stift, die er gerade freigelegt hatte. Panik schoss durch seinen Körper. Sein Herz klopfte wie wild, und ein kleiner Teil seines Geistes war erleichtert zu bemerken, dass wenigstens dieser Muskel funktionierte, nur um festzustellen, dass dasselbe nicht für seinen Brustkorb galt und er nur winzige, flache Atemzüge tun konnte. Verdammt, verdammt, verdammt. Was sollte er tun? Er konnte nicht einmal mehr tief durchatmen.

Und genau jetzt betrat jemand den Keller.

„Wen haben wir denn da?“, hörte er eine weibliche Stimme fragen. Eine Dienstbotin?

Schritte kamen näher, begleitet vom Tock-Tock eines Gehstocks. Jemand stellte sich genau hinter ihn und beugte sich zu ihm herunter. Aus dem Augenwinkel konnte er lange, helle Haare erkennen – weiße? Also die Hausherrin persönlich?

„Hmm“, machte sie, „so ein talentierter junger Mann. Ich habe dich beobachtet, seit du den Alarm am Kellereingang ausgelöst hast. So weit bist du gekommen, und mir doch in die Falle getappt. Was für eine Verschwendung… Ich bin sicher, du hättest es weit bringen können. Stattdessen sitzt du jetzt im Keller einer armen alten Frau fest, die du um ihr Erspartes bringen wolltest.“ Sie lachte. „Zu dumm, dass du dir da die falsche Alte ausgesucht hast. …Aber was mache ich jetzt mit dir? Ich glaube kaum, dass jemand dich vermissen wird… Aber Leichen sind so schwer beiseite zu schaffen.“

Andru atmete hektisch. Leichen? Sie wollte ihn umbringen? Wenn sie ihn nur von diesem Zauber befreien würde, könnte er sie spielend leicht überwältigen – aber so war er ihr hilflos ausgeliefert.

„Ich könnte die Polizei holen“, fuhr die alte Frau unerbittlich fort. „Da würde man sich sicher freuen. Aber ich mag die Polizei nicht… Die mischen sich zu sehr in die Angelegenheiten privater Magier ein. Nein, ich glaube nicht.“ Sie machte eine kurze Pause, in der sie sich wieder aufrichtete. „Aber laufen lassen kann ich dich auch nicht… Obwohl…“ Wieder lachte sie, kurz und meckernd. „Ich könnte ein bisschen Spaß mit dir haben. Weißt du, diese hübsche Rune im Flur, wegen der du meinen schönen Türrahmen ruiniert hast? Wenn man sie ein bisschen abwandelt, funktioniert sie nicht nur für den Raum, sondern auch für die Zeit… Ja“, sie kicherte, „das gefällt mir. Halt still“, und sie schob sein Hemd nach oben und zeichnete etwas auf seinen nackten Rücken. Eine Gänsehaut lief Andrus ganzen Körper entlang. Die Frau war also selbst Runenmagierin – er hatte sich wirklich das falsche Haus ausgesucht – wenn er hier nur rauskam, würde er nie wieder…

Andru schlenderte die dunkle Straße entlang, eine Hand in der Hosentasche, die halb geschlossenen Augen aufmerksam auf die verschlossenen Gartentore gerichtet. Nirgends war ein Wachmann zu sehen, und die Straße war wie ausgestorben. Sehr gut. Als er an der kleinen Baumgruppe am Rand des Bürgersteigs ankam, schlüpfte er, statt daran vorbeizugehen, mitten in das dichte Grün hinein und ging in die Hocke. Für eine Weile hielt er still und lauschte, doch niemand näherte sich. Noch besser. Es schien, als wäre er tatsächlich nicht bemerkt worden.

Ein starkes Déja-vu-Gefühl fuhr ihm plötzlich durch die Glieder und ließ ihn innehalten. Er hatte auf einmal ein ganz schlechtes Gefühl… Dann schüttelte er den Kopf. So ein Unsinn. Er musste sich konzentrieren.

Langsam, leise richtete er sich auf und warf einen letzten Blick auf die menschenleere Straße. Dann griff er nach einem niedrigen Ast und zog sich mit Schwung nach oben. Ein paar Handgriffe später, und er konnte den oberen Rand der Mauer erreichen…

 

(22.05.2016, 868 Wörter. Das war’s von Andru…)

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4 Kommentare

  1. Da hat er seine Lebensaufgabe gefunden…

  2. Beifall! … :-)
    Schön gedacht und geschrieben…
    Zugabe! :-)

  3. Eine nette Idee mit der Fortsetzungsgeschichte. und die Geschichte ist ebenfalls eine gute Idee.

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