Beim Blumengießen

Ich stehe in der Küche und fülle die Gießkanne. Das Wasser läuft und läuft; endlich ist die Kanne voll, und ich schleppe sie nach draußen. Wenn es so warm ist, muss ich jeden Tag Blumen gießen. Einerseits ist das lästig. Andererseits ist es schön, über den warmen Beton des Balkons zu laufen, ab und zu einen Spritzer kaltes Wasser auf die Zehen zu bekommen, und dann in den Blumenkästen und Pflanztöpfen zu stehen, zwischen Blumen und Kräutern, ihren Duft zu genießen und ihre Farben. Wenn ich sie gieße und die krümelige Erde durstig das Wasser aufsaugt, steigt dieser ganz besondere Duft auf, erdig und stark und irgendwie heimelig. Allein für diesen Duft lohnt sich die Mühe.

Ich gehe von Blumentof zu Blumentopf, gieße die Petersilie und den Lavendel, die Begonien und den Phlox, zupfe ab und zu ein bisschen Unkraut aus – und da sehe ich es. Unter den Blättern des Liebstöckels, in dem riesigen Topf, sitzt etwas Buntes.

Liebstöckel ist ein wunderbares Kraut, vielseitig in der Küche einsetzbar, zäh und unglaublich schnell wachsend. Aber bunt ist er nun wirklich nicht. Ich schiebe die großen Blätter zur Seite und beuge mich hinunter. Da liegt… ein Männchen in bunten Kleidern? Es sieht aus wie eine Puppe. Wie ist die denn hierher gekommen? Kurz überlege ich, ob meine Nichte sie hier vergessen hat. Doch ihr Besuch ist schon Wochen her – da hätte ich ihr Spielzeug in der Zwischenzeit doch sicher schon gefunden. Aber wer könnte…

Mein Gedankengang wird unterbrochen, als das Männchen sich plötzlich streckt, gähnt und dann aufsetzt. Mir entfährt ein Schreckensschrei. Der erschreckt auch das Männchen, es zuckt zusammen und starrt mich an.

„Oh, oh, oh“, ruft es dann und verzieht entsetzt das Gesicht, „neinneinnein, das hätte nicht passieren dürfen! Vergessen Sie mich bloß wieder!“, und es zieht seine Zipfelmütze über die Augen, als könnte es sich damit unsichtbar machen.

„Äh… wie bitte?“, ist die einzige Antwort, die mir einfällt. Dann präzisiere ich ein bisschen: „Was machen Sie auf meinem Balkon, und wer oder was sind Sie überhaupt? Vergessen werde ich Sie nämlich nicht so schnell, also sollten Sie sich vielleicht lieber erklären.“ Es kommt mir seltsam vor, ein daumengroßes Männchen zu siezen, aber es hat damit angefangen, und da wäre es irgendwie unhöflich, es einfach zu duzen, finde ich.

Das Männchen lugt unter seiner Zipfelmütze hervor. Ich versuche freundlich zu lächeln, aber ich fürchte, mein Unwohlsein mit dieser ganzen unerwarteten Situation kommt durch, jedenfalls sieht der Kleine nicht gerade beruhigt aus. Vielleicht ist daran aber auch nur die Tatsache schuld, dass ich seine Anwesenheit ganz offensichtlich nicht vergessen oder auch nur ignoriert habe. Er zieht die Mütze tiefer und lässt das Köpfchen hängen. „Das gibt Ärger“, murmelt er.

„Was für Ärger? Vielleicht kann ich Ihnen helfen“, biete ich an. Ich weiß nicht warum, aber obwohl er sich offensichtlich widerrechtlich auf meinem Balkon befindet, ist mir der Kerl sympathisch. Vielleicht auch, weil er in seiner Größe nun wirklich nicht bedrohlich wirkt. Eine normalgroße Person hätte ich sicher schon von der Polizei entfernen lassen, aber den hier kann ich im Notfall mit Schaufel und Kehrbesen vertreiben.

Das Männchen gibt seinen vergeblichen Versteckversuch jetzt auf und schaut mir ins Gesicht. „Sie sollten mich eigentlich gar nicht sehen können“, behauptet er. „Normalerweise sind wir Pflanzenwichtel unsichtbar für euch. Nur, wenn wir unsichtbar sind, dann fallen die Sonnenstrahlen durch uns hindurch, und ich habe es doch so gern, wenn sie mich wärmen… Deshalb lege ich mich manchmal sichtbar in die Sonne. Meistens am Sonntagvormittag, weil Sie da immer lange schlafen und sowieso nicht hierher kommen. Aber heute muss ich eingeschlafen sein… Oje, wenn das der Oberwichtel rauskriegt, das gibt Ärger!“

„Er muss es ja nicht erfahren“, beruhige ich den Pflanzenwichtel. „Ich verpetze Sie nicht, versprochen. Aber erklären Sie mir doch bitte, was ein Pflanzenwichtel überhaupt ist?“

Er schaut mich empört an. „Na, das sehen Sie doch! Menschen sind schon echt doof, kein Wunder, dass der Oberwichtel nicht will, dass wir Kontakt aufnehmen. Wir Pflanzenwichtel kümmern uns um die Pflanzen, die Ofenwichtel sorgen dafür, dass der Ofen schön warm wird und nichts anbrennt, die Kellerwichtel halten die Vorräte trocken und die Mäuse fern… Wichtel eben! Sagen Sie bloß, Sie haben davon noch nicht gehört?“

„Naja, also…“, ich denke nach, „schon, doch. Aber nur in Märchen. Ich dachte, Wichtel gibt es nicht in echt.“

„Das sollten Sie auch“, der Wichtel nickt, „denn dann lassen Sie und Ihre Kollegen uns in Ruhe. Früher, als Sie uns immer was zu essen hingestellt haben, war es zwar echt nett – aber auf die Dauer wirklich ungesund. Immer nur Zuckerzeug und fette Milch! Und das, bevor es Insulin gab! War ja nett gemeint, das wissen wir. Aber eben auch schwierig. Und Kommunikation mit Leuten wie Ihnen klappt normalerweise so überhaupt nicht – Sie wollen uns bloß einfangen und dressieren und im Zirkus ausstellen. Wie die exotischen Tiere, ja, da schauen Sie, wir wissen, wie Sie mit denen umgehen. Deshalb hat der Oberwichtel nach dieser Sache in Köln beschlossen, dass wir den Kontakt abbrechen.“

„Ach“, mache ich, weil mir erstmal nichts besseres einfällt. Dann muss ich aber doch nachfragen: „Aber wenn Sie Wichtel sich um meine Pflanzen kümmern, warum haben die dann immer so viele Blattläuse?“

Er seufzt. „Von irgendwas müssen wir uns ja schließlich ernähren.“

„Ähh… von Blattläusen? Sie essen Blattläuse?“

„Insekten sind das Essen der Zukunft“, behauptet er, „nahrhaft, proteinreich und leicht zu züchten.“

„Wenn Sie das sagen…“, ich bin nicht überzeugt, auch wenn ich davon tatsächlich schon mal gehört habe. „Aber meine Pflanzen gehen daran kaputt.“ Mir kommt eine Idee. „Hören Sie. Wenn ich Ihnen wieder was zu essen hinstellen würde – was Gesundes, versprochen, Sie können mir auch gern sagen, was Ihnen schmeckt und besonder gut bekommt – hören Sie dann auf, auf meinem Balkon Blattläuse zu züchten? Und helfen mir womöglich sogar, sie loszuwerden?“

Er überlegt. „Hmm, also, da müsste ich mit dem Oberwichtel… aber dann müsste ich ihm ja sagen, dass… also… Pizza?“

„Wie bitte?“

„Kann ich Pizza haben?“

„Äh, klar, aber so richtig gesund ist die auch nicht… Vielleicht Salat dazu?“

„Abgemacht“, er hält mir seine winzige Hand hin, und ich berühre sie vorsichtig mit dem Zeigefinger. „Wenn heute Abend Pizza und Salat dastehen, sind morgen die Blattläuse weg.“ Und damit verschwindet er vor meinen Augen.

Ich schüttele nochmal den Kopf, doch er taucht nicht wieder auf. Habe ich einen Sonnenstich? War das nur eine Halluzination? Aber um auf Nummer sicher zu gehen, nehme ich mir vor, heute Abend Pizza zu bestellen. Mit Salat. Und dann werde ich ja sehen.

 

(29.05.2016, 1101 Wörter)

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5 Kommentare

  1. Und? Kam er und aß? 😉

    1. Die Pizza ist jedenfalls weg ;-)

  2. Ach wenn das mit den Blattläusen doch immer so einfach wäre… Wenn es hilft, sag den Wichteln, dass sie bei mir auch Pizza und Salat bekommen könnten:-)

  3. Sie haben ein grosses Lächeln in meinem Inneren zum Leben gebracht… :-)

    1. Das freut mich :-)

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