Rückblicke und Vorsätze

Ein neues Jahr also. Auf das alte blicken die meisten mit gemischten Gefühlen zurück. Viel ist passiert. Wie jedes Jahr, könnte man sagen, in 365 Tage passen eben eine Menge Ereignisse. Im Übrigen sind nicht mehr Prominente gestorben als in anderen Jahren, es wurde nur mehr darüber getwittert. Und für das „schlimmste Jahr aller Zeiten“ geht es uns verdammt gut, gerade in Europa, gerade in Deutschland, aber auch weltweit.

Damit sollen die Leiden der Bürgerkriegsopfer, der Vertriebenen und Verletzten, der Flüchtenden und der Toten, nicht kleingeredet werden. Auch dass in vielen Teilen der Welt noch immer bitterste Armut herrscht, dass selbst im reichen Deutschland Menschen auf der Straße schlafen müssen und Kinder an vermeidbaren Krankheiten sterben; dass Industrie und Rohstoffabbau ganze Landstriche zerstören und Anwohner wie Angestellte krank machen; dass es Länder gibt, in denen Demokratie ein so fremdes Wort ist, dass wir ihnen den Streit um Dinge wie Stuttgart 21 vermutlich nicht einmal verständlich machen könnten; dass auch im fortschrittlichen, demokratischen Deutschland noch gewisse Defizite herrschen… All diese Probleme existieren, sie sind real, sie sind mehr als nur eine Fußnote.

Ebenso real sind jedoch auch diese Tatsachen: Die Armutsrate wurde mehr als halbiert. Mädchen haben die gleiche Chance auf Grundschulbildung wie Jungen. Die Kindersterblichkeit der Unter-Fünfjährigen wurde mehr als halbiert. Und auf dem Weg zu den anderen Millenium Development Goals der Vereinten Nationen wurden zumindest deutliche Fortschritte gemacht. Die Sustainable Development Goals wurden vereinbart, um diese positive Entwicklung fortzusetzen.

Die beiden wichtigen Volkswirtschaften China und USA ratifizierten das Klimaschutzabkommen von Paris. In Marrakesch wurden die Weichen gestellt, dessen Ziele tatsächlich umzusetzen; Highlights waren die offizielle Ansage Chinas, eine führende Rolle beim weltweiten Klimaschutz einzunehmen (nicht ganz unbedeutend, ist China doch das bevölkerungsreichste Land der Erde und hat entsprechend viel Einfluss auf die Entwicklung des Planeten), und die Marrakesch-Vision, in der sich 48 Nicht-G20-Länder zum Klimaschutz und zu erneuerbaren Energien bekannten.

Wissenschaftler am Londoner Imperial College haben eine Methode entwickelt, mit der man die Virusbelastung einer HIV-Infektion so einfach (und beinahe so schnell) wie den Blutzuckerspiegel bei Diabetes messen kann. Damit kann AIDS zwar nicht geheilt, aber immerhin gemanagt werden.

Es war also nicht alles schlecht. Es war aber auch lange nicht alles gut, und viele der Entwicklungen und Entscheidungen des Jahres 2016 werden lange Schatten werfen. Welche Folgen der Brexit tatsächlich haben wird, ist noch unklar; dass er Folgen für ganz Europa haben wird, stellt niemand in Frage. Donald Trump wird für die nächsten vier Jahre die Politik der größten Wirtschafts- und Militärmacht der Erde bestimmen, und eine der beängstigendsten Tatsachen daran ist, dass niemand so genau weiß, was das tatsächlich bedeutet. Die Besetzung seines Kabinetts lässt allerdings Schlimmes befürchten, sowohl für die Bürger der USA als auch für den Rest der Welt. Der Putschversuch in der Türkei und das demokratische Roll-back, mit dem Erdoğan darauf reagiert, sind schlechte Omen für die Entwicklung dieses wirtschaftlich wie politisch nicht ganz unbedeutenden Landes. Mord und Zerstörung in Syrien und im Irak gehen weiter, der IS inspiriert Terroristen in der ganzen Welt. Der philippinische Präsident übt sich nicht nur in menschenverachtender Rhetorik, sondern zeigt gleich, wie es aussieht, wenn man sie ernst nimmt: Tausende von vermeintlichen Dealern und Drogenabhängigen wurden seit seinem Amtsantritt auf offener Straße erschossen, zehntausende sitzen in überfüllten Gefängnissen in der Hoffnung, wenigstens mit dem Leben davonzukommen. Was im Licht von Dutertes Wahlkampfversprechen, 100.000 Drogenkriminelle umzubringen, tatsächlich aus denen wird, die sich in Staatsgewahrsam befinden, muss sich noch zeigen.

Was heißt das für uns, im reichen, gemütlichen und sicheren Deutschland? Auch hier geht es nicht allen rosig, und selbst unter denen, die es gut haben, herrscht mancherorts Zukunftsangst. Was also tun im Jahr 2017 (einem Wahljahr übrigens, bitte beteiligt euch, Demokratie lebt davon, dass das Volk mitmacht)? Sich zurückziehen, einmauern, abwarten, Biedermeier 2.0? Die Angst in Wut kanalisieren und an denen auslassen, die sich nicht wehren können? Lautstark jammern, bis irgendwer irgendwie dafür sorgt, dass alles besser wird? Uns denjenigen anschließen, die in einer komplizierten Welt einfache Lösungen versprechen?

Oder wie wäre es hiermit, so als guter Vorsatz fürs neue Jahr: Aufmerksam sein, Missstände ebenso sehen wie hoffnungsvolle Entwicklungen. Nachfragen, was getan werden muss – und was getan werden kann.

Und dann anpacken.

Die Welt kann ein einzelner nicht retten. Aber jeder und jede von uns kann ein kleines Stückchen ein bisschen besser machen. Indem wir uns um andere kümmern, direkt oder indirekt. Mit Spenden, mit Engagement, mit nachbarschaftlicher Hilfe, mit spontanen Gesten der Mitmenschlichkeit.

Wenn wir das alle machen, jeder und jede ein kleines bisschen, manche mehr und manche weniger, aber alle mit Blick auf Gerechtigkeit, Mitmenschlichkeit, Langfristigkeit, dann…

…werden wir die Welt noch immer nicht retten. Aber sie bewegen. Mal langsamer und mal schneller, aber immer in die richtige Richtung. Wir werden nie ankommen. Utopia heißt Nicht-Ort. Aber es geht nicht ums Ankommen.

Es geht ums Vorankommen.

Schlechter wird die Welt von allein. Perfekt wird sie nie. Aber besser ist schon mal verdammt gut.

 

(07.01.2017, 817 Wörter. Einer meiner Vorsätze, wie ihr seht, ist die Wiederbelebung dieses Blogs. Es kommen auch wieder Geschichten, keine Sorge – aber jede Geschichte lebt nicht nur in der Welt, in der sie spielt, sondern auch in der, in der sie geschrieben und in der sie gelesen wird. Ganz außen vor lassen kann und will ich unsere Welt deshalb nicht.)

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