Es schneit

Es schneit. Zwei knappe Worte, zwei Silben, neun Buchstaben. Und doch können diese wenigen Zeichen so viel enthalten, so viel bedeuten.

Es schneit. Dicke, weiche Flocken, die wie die Daunen aus Frau Holles Bettdecke zu Boden schweben, gemächlich, wie in Zeitlupe, von jedem Windstoß einen langen, langsamen Augenblick in der Schwebe gehalten? Kleine, harte Flöckchen, vom Sturm ins Gesicht geweht, bei deren Berührung man die Eiskristalle spürt, aus denen sie bestehen? Feuchte, schwere Klumpen, nur knapp unter dem Gefrierpunkt, schon halb angetaut, die auf dem Boden sofort zu Matsch oder Pfützen werden? Einzelne, fragile Kunstwerke der Natur, die man einfangen und stundenlang betrachten möchte und um deren Schönheit man trauert, wenn der eigene Atem sie zum Schmelzen bringt? All das kann darin enthalten sein.

Es schneit. Das macht manches schwierig. Autofahrer fluchen über die rutschigen Straßen, die verringerte Sicht, die Fahrbahnmarkierungen, die unter der weißen Schicht verschwinden. Fußgänger rutschen aus, Hosenbeine werden nass, Schnee klumpt unter Sohlen und sickert in Krägen und Säume, lässt sich in Wohnungen tragen und zieht nasse, kalte Spuren. Busse fahren langsamer, Bahnen verspäten sich, Flugzeuge bleiben am Boden. Es kommt zu Verzögerungen, Unfällen, Staus. Wege müssen freigeschaufelt, Straßen geräumt werden. Streusalz zerfrisst Beton, Unterböden, Hundepfoten. Kies gräbt sich in Schuhe, dringt in Socken, klebt in Teppichen und wird noch Monate später unverhofft seine spitzen Kanten in nackte Füße schlagen. All das können diese zwei Worte bedeuten.

Es schneit. Das macht vieles möglich. Kinder freuen sich auf neue Spiele, Schlittenfahren und Schneeballschlachten, Schneemänner und Iglus – so viel Spaß steckt in den weichen Flocken! Auch Wintersportler jubeln. Wer kann, packt die Skier und fährt übers Wochenende in die Berge. Die Pisten locken, die Loipen werden frisch gespurt. Sport im Freien, gefolgt von einem gemütlichen Ausklang in der Skihütte oder dem Café – was kann es im Winter schöneres geben? Erst macht die kalte Luft die Wangen rot, dann ein leckeres Heißgetränk. Das ginge natürlich auch ohne Schnee – doch in der weißen Pracht macht es so viel mehr Spaß. Man fühlt sich fast wieder wie ein Kind, und wer hat eigentlich gesagt, dass es ein Höchstalter fürs Schneemannbauen gibt? Schon ist man wieder draußen und türmt das frische Weiß zu Kunstwerken auf. Der Schneemann braucht eine Schneefrau, und Schneekinder, und warum nicht noch einen Schneehund? Das einzige, das jetzt noch fehlt, ist ein Schneeselfie der kalten Familie mit ihren erhitzten Schöpfern. All das kann dieser Satz auslösen.

Es schneit. Die dicke Decke macht alles leiser, dämpft Geräusche, beruhigt. Millionen von Kristallen glitzern in der Sonne, wispern Taulieder, wo der warme Schein auf sie fällt, rieseln lautlos oder stürzen krachend herab. Bäume tragen ihre neuen Mützen mit Stolz – bis ein Flöckchen zu viel einen Ast abbricht. Berge strahlen postkartenglänzend – bis ein Sonnenstrahl zu viel eine Lawine auslöst. Schnee kann großartig sein und gefährlich, kann tragen oder trügen, kann Schutz bieten und Spaß machen oder Vernichtung bringen und den Spaß verderben. All das steckt darin.

Es schneit. Neun Buchstaben, zwei Silben, zwei kleine Worte. Und manchmal so große Wirkung.

 

(15.01.2017, 503 Wörter)

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3 Kommentare

  1. Selten so was schönes in letzter Zeit gelesen, wundervolle Schneeerzählung…
    Liebe Morgengrüße vom Lu

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