Eine ganz gewöhnliche kleine Frau

Hannah Schmitz war eine ganz gewöhnliche kleine Frau. Sie lebte in einer ganz gewöhnlichen kleinen Wohnung in einer ganz gewöhnlichen kleinen Stadt. Vormittags arbeitete sie in einer ganz gewöhnlichen kleinen Firma als Buchhalterin. Nachmittags holte sie ihre beiden ganz gewöhnlichen kleinen Kinder aus dem Kindergarten ab und betreute sie, und abends, wenn ihr ganz gewöhnlicher kleiner Mann nach Hause kam, kochte sie ihrer ganz gewöhnlichen kleinen Familie ein schönes, warmes Abendessen, denn sie fand, dass das wichtig war.

Doch nachts war alles anders. Nachts verwandelte sich Hannah Schmitz von einer ganz gewöhnlichen kleinen Frau, deren ganz gewöhnliches kleines Leben aus Zahlen, Kindern und warmen Mahlzeiten bestand, in die Fantastische Miss Mamba. In buntem Kostüm mit Schlangenmaske ging sie auf Verbrecherjagd, und mithilfe ihres messerscharfen Verstandes, ihrer schnellen Zunge und ihrer cleveren Erfindungen legte sie den Gaunern der Stadt das Handwerk. Von gewöhnlichen Bankräubern bis zum Unterweltboss fürchtete man ihren Namen, und wenn das Schlangensymbol der Fantastischen Miss Mamba über den Dächern der Stadt aufleuchtete, verschlossen Einbrecher die Türen und Fenster sorgfältig von außen, und Taschendiebe gaben ihre Beute zurück, aus Furcht vor der Rache dieser Beschützerin der Bedrohten und Hüterin der Gerechtigkeit.

Jede Nacht tauchte ein neuer Schurke auf, die Fantastische Miss Mamba herauszufordern, und jede Nacht besiegte die Heldin sie nach hartem Kampf. Bis es Mitternacht schlug, war die Ordnung wieder hergestellt, der Gerechtigkeit genüge getan, und Hannah Schmitz speicherte die Datei in dem Ordner ab, den sie „Privat“ getauft hatte, las noch ein bisschen die Webcomics, die sie so inspirierten, und schlüpfte dann zu ihrem Mann ins Bett. Schließlich musste sie am nächsten Morgen wieder früh raus, um die Kinder zu wecken, das Frühstück zu machen, die Kleinen rechtzeitig in den Kindergarten zu bringen und zur Arbeit zu gehen.

So lebte sie ihre ganz gewöhnlichen kleinen Tage und ihre abenteuerlichen Nächte, ohne jemals jemandem von ihrem Doppelleben zu erzählen. Manchmal wünschte sie sich, ihre Tage wären ein bisschen außergewöhnlicher, aber sie wusste ja, dass in dieser ganz gewöhnlichen kleinen Stadt nun einmal kein Platz für kostümiere Superheldinnen war. Auch war ihr klar, dass echte Verbrecher sich nicht von einer schnellen Zunge und einem messerscharfen Verstand einschüchtern ließen und dass die cleveren Erfindungen der Fantastischen Miss Mamba in der Realität nicht funktionieren würden. Und an den meisten Tagen gab sie sich auch damit zufrieden, die ganz gewöhnliche kleine Frau Schmitz zu sein.

Doch ein bisschen sehnte sie sich immer danach, zur Heldin zu werden und die Welt zu retten. Das war albern, natürlich, und so erzählte sie niemandem davon und versteckte ihre Geschichten in dem „Privat“-Ordner auf ihrem Computer und hoffte, dass niemand sie jemals lesen würde. Auch von den Webcomics, die sie so liebte, erzählte sie keinem. Und wenn jemand sie nach ihren Träumen fragte, sprach sie von Urlaub am Mittelmeer und einem Häuschen mit Garten, ganz gewöhnliche kleine Träume, wie sie sich für eine ganz gewöhnliche kleine Frau gehörten.

Dann kamen ihre Kinder in die Schule, und für eine Weile wurde das zum wichtigsten Teil in Hannahs ganz gewöhnlichem kleinen Leben. Ihre Träume drehten sich jetzt um die Zukunft ihrer Kinder, ihre Nachmittage verbrachte sie mit Elternbeiraten, Hausaufgabenbetreuung und der Vorbereitung von Sommerfesten, und nachts war sie so erschöpft, dass ihr für die Fantastische Miss Mamba kaum mehr Zeit und Energie hatte. Doch die Bildung ihrer Kinder war ihr wichtiger, und weil es in der ganz gewöhnlichen kleinen Stadt wie in so vielen Städten an allen Ecken und Enden an Geld fehlte, brauchte die Schule da Unterstützung von den Eltern. Und Hannah half gern. Schließlich tat sie damit etwas Gutes, für ihre eigenen Kinder und für deren Klassenkameraden, und es machte ja auch Spaß, zusammen mit Gleichgesinnten mit anzupacken.

Bis die Neuen in der Schule auftauchten, Kinder mit dunkler Haut und fremdartigen Namen, die kaum Deutsch sprachen und deren Mütter und Väter auf den Elternbeiratssitzungen nie auftauchten. Niemand wusste so recht, was mit ihnen anzufangen war. Würden sie den Unterricht aufhalten, die Bildung der eigenen Kinder verzögern? Würde ihr schlechtes Deutsch die Sprache der eigenen Kinder verderben? Ihre fremde Kultur die Sitten verrohen lassen? Brachten sie nicht fremde Bräuche, fremde Krankheiten, fremde Traumata mit?

Viele Eltern machten sich Sorgen, und auch Hannah überlegte lange, was sie mit diesen fremden Kindern anfangen sollte. Dann fiel ihr die Fantastische Miss Mamba wieder ein, und sie überlegte, wie die Heldin mit dem messerscharfen Verstand wohl darüber gedacht hätte. Sicher hätte sie erst einmal versucht, möglichst viel über diese Unbekannten herauszufinden. Und so beschloss Hannah, die Neuen kennenzulernen.

Sie gründete Nachmittagsbetreuung, um mehr über das Leben der Kinder und ihrer Eltern zu erfahren. Dort überprüfte sie Hausaufgaben und schlichtete Streit, buk im Winter Plätzchen und machte im Sommer Limonade ihnen, erklärte deutsche Sitten und ließ sich den syrischen oder afghanischen oder somalischen Alltag beschreiben. Und als sie merkte, dass viele der Schwierigkeiten in der Schule daher stammten, dass die Kinder so wenig Deutsch konnten, begann sie, ihnen jeden Tag vorzulesen, denn sie glaubte, dass das wichtig war.

Die Kinder liebten das, und sie liebten besonders Geschichten über strahlende Helden, die das Böse bekämpften und besiegten. Und so brachte Hannah eines Tages eine Geschichte über die Fantastische Miss Mamba mit. Das kam gut an, und die Kinder wollten mehr. Bald gingen ihr die Geschichten aus, und sie schrieb neue; Geschichten, in denen Miss Mamba die Welt bereiste und Unterstützung von cleveren Kindern bekam. Die Welt der Fantastischen Miss Mamba und die der ganz gewöhnlichen kleinen Frau Hannah Schmitz vermischten sich immer mehr.

Eines Tages, sie saß auf dem Schulsommerfest und bemalte das Gesicht von Zahira, der neuen besten Freundin ihrer Tochter, wie eine Schlangenmaske, kam deren Mutter auf sie zu und bedankte sich in gebrochenem Deutsch für ihren Einsatz. „Sie tun so viel für die Kinder. Zahira war so traurig. Jetzt, so fröhlich. Sie tun gut.“ Und da verstand Hannah, dass ihre Träume vielleicht doch nicht so albern waren. Vielleicht musste man gar kein buntes Kostüm anziehen, um die Welt ein bisschen zu retten. Und vielleicht konnte auch ein ganz gewöhnliches kleines Leben ein bisschen außergewöhnlich sein, wenn man sich ein bisschen Mühe gab.

 

(22.01.2017, 1012 Wörter)

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