Wie der Hund zu den Menschen kam (Teil 1)

Vor langer Zeit, als die Welt noch jung war und die Götter bisweilen unter den Menschen wandelten, da begab es sich, dass Ahanna, die Göttin des Waldes, auf einem ihrer Ausflüge müde und durstig wurde. Sie wollte sich schon an einem Bach laben und auf einer Lichtung ins weiche Moos betten, als sie merkte, wie ein Sturm heraufzog. Zu jener Zeit lag sie mit Sorross, dem Gott des Sturmes, im Streit, und so suchte sie nach einer Höhle, die ihr Schutz bieten könnte vor seinem Zorn. Da hörte sie ganz in der Nähe menschliche Stimmen, und so nahm sie die Gestalt einer alten Frau an und ging auf die Leute zu.

Sie folgte ihren Stimmen, bis sie ein Dorf erreichte. Als sie jedoch unter die Menschen trat, wandten sie ihr den Rücken zu, und als sie die Leute ansprach, antworteten sie ihr mit bösen Mienen.

„Ich bin müde und durstig und suche Schutz vor dem Sturm“, sprach Ahanna. „Im Namen der Gastfreundschaft, gebt mir ein wenig Wasser und ein Lager, und lasst mich bei euch bleiben, bis ich ausgeruht bin und der Sturm vorübergezogen. Die Götter werden es euch vergelten.“

Doch die Menschen in diesem Dorf waren hartherzig. „Wer ist die Fremde?“, sprachen sie zueinander. „Warum sollten wir ihr Wasser geben und einen Platz, warum sollten wir sie in die Hütten lassen, die wir mit eigenen Händen gebaut haben? Sie ist alt und schwach, sie wird es uns niemals vergelten können.“

„Nur einen Schluck Wasser“, so bat die Göttin, „nur einen Winkel mit einer Decke und einem Dach darüber möchte ich. Was kostet euch das?“

„Wir kennen dich nicht“, so sprachen die Menschen. „Geh zurück in den Wald. Es gibt Bäche und weiches Moos, was brauchst du unser Wasser und unsere Decken? Scher dich fort.“

„Der Wald ist gefährlich für eine alte Frau“, sprach Ahanna, denn sie wollte ihre Maske nicht preisgeben. „Und ein Sturm zieht herauf. Lasst mich im Schutz eurer Hütten ruhen, gebt mir ein wenig Wasser, und es soll euer Schaden nicht sein.“

„Was ziehst du auch allein durch den Wald?“, so warfen sie ihr vor. „Unsere Hütten sollen die schützen, die sie errichtet haben.“

„Missachtet ihr so die Gebote der Gastfreundschaft?“, empörte sich Ahanna, und als die Leute nur mit den Schultern zuckten, da warnte sie ein letztes Mal: „Haben nicht die Götter selbst euch zur Gastfreundschaft gemahnt? Hütet euch, ihre Gebote zu missachten!“

Doch die Menschen ließen sich nicht erweichen. „Scher dich fort, Weib“, wiederholten sie. „Gastfreundschaft bieten wir denen, die sie uns auch bieten können. Du aber bist alt und arm, du kannst uns nichts geben, und so geben wir dir auch nichts.“

Da drehte Ahanna sich um und ging, und sie schüttelte den Staub des Dorfes von ihren Füßen und sprach: „Wie ihr mich fortgeschickt habt aus dem Schutz eurer Hütten, so schicke ich euch fort aus dem Schutz der Götter. Wie ihr mir Gastfreundschaft verweigert habt, so verweigere ich euch den Segen. Und wie ihr eine alte Frau in die Wildnis und den Sturm geschickt habt, so sollen die Wildnis und der Sturm zu euch kommen und euch ins Verderben schicken.“ Und sie ließ das Dorf hinter sich und ging fort, eine Höhle zu suchen, die ihr Schutz bot.

Sie war kaum ein Dutzend Schritte gegangen, da merkte sie, wie jemand ihr folgte. Sie ging schneller, doch der andere blieb ihr auf den Fersen. Sie überlegte anzuhalten und ihren Verfolger zur Rede zu stellen, doch sie wollte das Dorf hinter sich lassen und dem Sturm entkommen. So beeilte sie sich eine Höhle zu erreichen und ignorierte den anderen. Erst als er ihr in die Höhle folgte, drehte sie sich um und hob drohend eine Hand.

„Was verfolgst du mich? Reicht es euch nicht, mich aus eurem Dorf zu vertreiben? Scher dich fort, geh zurück zu den Deinen und sieh, was euer Lohn ist!“

Doch das junge Mädchen, das ihr gefolgt war, wich nicht zurück. „Ich bitte um Verzeihung für mein Dorf“, sprach es. „Sie haben falsch gehandelt. Ich habe dir Wasser gebracht und eine Decke. Bitte, nimm sie. Diese Höhle mag Schutz bieten, aber ihr Boden ist hart.“

Da lächelte Ahanna. „Dank sei dir, Mädchen, und der Segen der Götter mit dir. Setz dich und bleibe bei mir, bis der Sturm vorüber ist. Es ist gefährlich draußen.“

„Ich muss zurück ins Dorf“, sprach das Mädchen.

Ahanna schüttelte den Kopf. „Es ist zu gefährlich“, wiederholte sie. „Glaub mir, du willst jetzt nicht in deinem Dorf sein.“

Das Mädchen wollte widersprechen, doch als sie der alten Frau ins Gesicht blickte, sah sie etwas, das sie vorher nicht bemerkt hatte, und sie schwieg und gehorchte. Doch ihr Herz wurde schwer, denn sie ahnte, dass die alte Frau mehr war, als sie schien, und dass ihre Worte mehr enthielten als eine Warnung vor dem Sturm…

 

(29.01.2017, 807 Wörter. Teil 2 folgt nächste Woche…

EDIT: Teil 2)

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