Wie der Hund zu den Menschen kam (Teil 2)

(Teil 1)

Der Sturm wütete lang. Er zerrte an den Baumwipfeln und heulte um die Felsen. Schwerer Regen prasselte herab, durchbrochen von Blitz und Donner. Und in all dem Tosen vermeinte das Mädchen noch etwas zu hören, ein Heulen wie von wilden Tieren, wie von Zorn und Rachedurst, und es kauerte sich in der Höhle zusammen und wagte nicht, die alte Frau anzusehen. Ahanna hingegen war ruhig, denn die Göttin wusste, was draußen geschah.

Sobald Soross seine Wut ausgetobt hatte und der Sturmgott das Unwetter weiterziehen ließ, sprang das Mädchen auf. „Ich muss zurück ins Dorf“, so rief es. „Der Sturm war schlimm, ich muss sehen, ob es etwas zu reparieren gibt oder jemand Hilfe braucht.“

„Eile dich nicht“, riet ihr Ahanna. „In deinem Dorf ist niemand, der Hilfe braucht.“

Doch das Mädchen hörte nicht auf sie, denn sein Herz war voll Sorge, und es fürchtete sich vor der Alten. So lief es zum Dorf, so schnell es seine Füße trugen.

Der Weg war beschwerlich, denn der Sturm hatte Äste abgerissen und Bäume umgestürzt. Dennoch kämpfte sich das Mädchen weiter, voll Angst und düsterer Ahnung.

Als es sein Dorf endlich erreichte, war es erschöpft. Und als es sah, was geschehen war, verließ die letzte Kraft seinen Körper, und es sank am Rand der Lichtung zu Boden. Denn wo zuvor die Hütten ihrer Freunde und Familie gestanden hatten, lagen nun zerbrochene Balken und zerschmetterte Dächer. Wo zuvor Bekannte und Verwandte beieinander Schutz gesucht hatten, lagen nun zerrissene Leiber, deren Stimmen für immer verstummt waren. Und wo zuvor Nachbarn und Neugierige Nachrichten ausgetauscht und abends am großen Feuer Geschichten erzählt hatten, lagerten nun die wilden Tiere, die das angerichtet hatten, und leckten das Blut von ihren Pranken.

Das Mädchen weinte bitterlich. Da legte sich ihm eine Hand von hinten auf die Schulter. Es schreckte auf und fuhr herum. Dort stand Ahanna, noch immer in Gestalt der alten Frau, doch nun von ihrer göttlichen Macht erfüllt, sodass das Mädchen erkannte, dass sie kein gewöhnlicher Mensch war.

„Tröste dich“, sprach die Göttin des Waldes. „Sie waren schlechte Menschen, die das Gebot der Gastfreundschaft verletzt haben. Ihre Strafe ist gerecht.“

Das Mädchen fürchtete sich sehr. Dennoch begehrte es auf: „Wie könnt Ihr so über sie sprechen? Sie waren meine Familie, meine Freunde, meine Nachbarn! Sie haben falsch gehandelt, doch die Schwere der Strafe haben sie nicht verdient.“

Ahanna lächelte. „Du sprichst mutig, Sterbliche, einer Göttin zu sagen, was angemessen wäre. Ich sollte dich dafür ebenfalls bestrafen. Doch dein Mut gefällt mir, so wie mir gefiel, dass du dich gegen dein Dorf gestellt und mir die Gastfreundschaft angetragen hast, die man mir schuldete. Ich bin froh, dich verschont zu haben.“

Doch das Mädchen weinte wieder. „Wie kann ich froh sein? Nun bin ich ganz allein auf der Welt. Alle meine Verwandten und Bekannten sind tot, meine Heimat ist zerstört. Einsam werde ich durch den Wald irren, bis ein wildes Tier auch mich tötet.“

„Hab Vertrauen“, sprach die Göttin. „Ich bin Ahanna, Herrin des Waldes und aller Tiere darin. Keines von ihnen soll dir ein Leid tun, denn mein Segen ruht auf dir.“ Und sie legte dem Mädchen die Hand aufs Haupt, es zu segnen…

 

(05.02.2017, 529 Wörter.

EDIT: Hier ist der dritte und letzte Teil!)

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