Wie der Hund zu den Menschen kam (Teil 3)

(Teil 1; Teil 2)

Das Mädchen zuckte zurück und antwortete: „Einsam bin ich dennoch, ohne Freunde, ohne Helfer. Ich kann nur mit mir haben, was mein Rücken zu tragen vermag, ich kann nur jagen, was ich zu Fuß einholen kann, und die Nächte werden kalt und hart sein. Was für ein Leben ist das, oh Ahanna, zu dem Ihr mich verdammt und es einen Segen nennt?“

Da besann sich Ahanna, und obwohl es der Götter Gewohnheit nicht ist, milde zu sein und barmherzig, reute es sie doch, was sie dem Dorf angetan hatte. „Vielleicht war ich voreilig“, gab sie zu. „Doch das Gebot der Gastfreundschaft ist das heiligste. Wo wärt ihr Menschen ohne die Gemeinschaft miteinander? Du selbst fürchtest die Einsamkeit, und doch hätte dein Dorf die alte Frau, die zu ihm kam, dazu verurteilt. Dennoch, es steht einer Göttin gut zu Gesicht, besser zu sein als die Menschen. So werde ich dir einen Gefährten geben von den Tieren des Waldes. Er soll an deiner Seite stehen alle Tage und jeden Weg mit dir gehen. Er soll klug sein und dir zugetan, stark und schnell. Er soll dir beistehen bei Arbeit und Jagd, er soll dein Lager wärmen und deinen Schlaf beschützen.“ Und sie rief zwei Wölfe herbei, ein Paar, und strich ihnen mit der Hand über die Ohren, und sie sanken unter ihren Fingern herab und wurden weich und rund. Dann strich sie ihnen über das Fell, und wo sie es berührte, da wurde der graue Pelz schwarz wie der Schatten im Unterholz und braun wie die Erde. Und sie legten sich friedlich zu ihren Füßen, denn alle Wildheit war von ihnen gewichen. Und die Göttin sprach zu ihnen: „Wolf seid ihr nicht mehr, auch wenn ihr eure wilden Brüder und Schwestern noch immer erkennen werdet. Hund sollt ihr heißen, und dem Menschen treue Freunde sein.“

Da sprangen die beiden Hunde auf und liefen zu dem Mädchen, setzten sich zu seinen Füßen und wedelten mit dem Schwanz. Das Mädchen streckte zögerlich die Hand aus, und als sie nicht nach ihr schnappten, sondern sie zärtlich anstupsten, da strich auch sie ihnen über die Köpfe. Das gefiel den Hunden, und bald schon spielten die drei miteinander wie alte Freunde.

Ahanna lächelte und segnete sie, Hund und Mensch, und wandte sich wieder zum Gehen. Das Mädchen aber zog mit seinen Gefährten davon, und sie lebten noch lange und reisten weit durchs Land. Das Mädchen wurde zur Frau, und der Schmerz über den Verlust ihrer Familie verblasste. Das Gebot der Gastfreundschaft vergaß sie jedoch nie, und wer immer an ihr Lagerfeuer kam, den hieß sie willkommen. Und wer mit ihr eine Mahlzeit teilte, dem erzählte sie die Geschichte ihres Dorfes. Denn was dort geschehen war, sollte nie wieder passieren. Die beiden Hunde aber begleiteten die Frau ihr Leben lang, und als sie zu alt wurden, um ihr zu folgen, da gaben nahmen ihre Kinder den Platz an der Seite der Menschen ein. Und bis heute suchen ihre Kinder und Kindeskinder die Nähe des Menschen, denn auch wenn wir die Götter längst vergessen haben, liegt die Freundschaft zu uns den Hunden noch immer im Blut.

 

(05.02.2017, 517 Wörter. Und jetzt wisst ihr, wie das war, damals, als die Götter noch unter den Menschen wandelten ;-) Nächste Woche gibt es was Neues.)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: