Der Bauplatz

Am Ende der Straße war ein leerer Bauplatz. Vielleicht hatten dort einmal ein Haus gewesen, das dem Krieg oder dem Abriss zum Opfer gefallen war; vielleicht war ein geplanter Bau immer wieder verzögert worden, durch Eigentümerstreitigkeiten oder verschleppte Baugenehmigungen; niemand in der Straße war sicher, aber eigentlich interessierte sich auch niemand dafür. Der Bauplatz war irgendwie immer schon dagewesen, ebenso wie die Sandhügel an seinen Seiten und die beiden Stapel mit Baumaterial, einer mit dicken Bohlen und einer mit Ziegeln, Hinweise, dass ein Bau tatsächlich einmal geplant gewesen sein musste. Doch inzwischen waren die Ziegel von Unkraut überwuchert, ihre Ecken von Wurzeln abgesprengt, die Lücken zwischen ihnen mit Flugsand und Erde gefüllt, und die Bohlen waren verrottet.

Den Anwohnern fiel das kaum mehr auf. Dinge, die irgendwie immer schon dagewesen sind, fallen meist erst auf, wenn sie das nicht mehr sind. Manchmal kam jemand zu Besuch und fragte nach dem Bauplatz. Dann zuckten die Gastgeber mit den Achseln und murmelten irgendetwas über ihre Lieblingstheorie. So richtig interessant fanden sie aber nicht einmal die Spekulationen.

Die einzigen, die sich für den Platz interessierten, waren die Kinder. Natürlich war der Platz mit einem hohen Drahtzaun abgesperrt, und natürlich war es strengstens verboten, ihn zu betreten. Ebenso natürlich aber hielt das niemanden ab. Die meisten Kinder in der Straße betrachteten den Bauplatz als ihren Abenteuerspielplatz und gingen durch die Lücke, die irgendwann jemand in den Drahtzaun geschnitten hatte, ein und aus, als wäre es eine Tür.

Es war auch wirklich ein hervorragender Spielplatz: Am Fuß der Sandhaufen konnte man buddeln und Burgen bauen, über ihre von Unkraut und Sträuchern befestigten Hänge konnte man rennen und klettern, in ihren Tälern und im Gestrüpp und hinter den Stapeln aus Bauholz und Ziegeln konnte man sich ganz wunderbar verstecken. Die ganz Mutigen kletterten sogar auf die Stapel, doch das wagten nur wenige, denn hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich Gruselgeschichten über den Jungen, der einst auf den Bohlenstapel geklettert, in der Mitte im morschen Holz eingebrochen und festgeklemmt war.

„Er hat sich beide Beine gebrochen“, sagten die einen.

„Er kam nie wieder raus und ist verhungert“, sagten die nächsten.

„Der Stapel hat ihn einfach so verschluckt, haps, wie ein Monster“, sagten die Großen, „und wenn du nicht aufpasst, verschluckt er auch dich“, wenn sie heimlich hinter dem Stapel rauchten und nicht von den Kleinen entdeckt und verpetzt werden wollten.

Die Ziegel galten als nicht ganz so gefährlich, waren aber auch sehr viel schwerer zu erklettern, denn wo der Fuß Halt zwischen Ton und Erde fand, da bröckelte der Stapel auch schnell, noch bevor man eine Höhe erreicht hatte, von der ein Fall gefährlich wäre.

Auf diese Weise war der Spielplatz erstaunlich sicher, und vermutlich war das der Grund, warum er so lange bestehen konnte. Doch auch das schönste Abenteuer geht eines Tages zu Ende, und so war es auch mit diesem.

Denn eines Tages fuhr ein Auto die Straße entlang, bis zu dem Grundstück an seinem Ende. Ein Mann stieg aus und packte eines der Zaunstücke, hob es aus seinem Betonfuß und schwenkte es zur Seite. Dasselbe wiederholte er mit dem benachbarten Zaunstück, sodass eine große Lücke entstand. Dann fuhr er wieder weg.

Zehn Minuten später kamen die Bagger und fuhren durch die Lücke. Als erstes baggerten sie die Sandhügel weg, mitsamt den Unkräutern und Sträuchern, die ihnen Halt gegeben hatten, und den vergessenen Eimerchen und Schaufeln an ihrem Fuß. Dann kam ein Containerwagen, in den sie die morschen Balken schippten, die zwischen den Zähnen der Schaufeln ächzten und splitterten. Das Holz wurde von den Ziegeln gefolgt. Jetzt gab es keine Verstecke mehr, nichts mehr, auf das man klettern oder worüber man sich Gruselgeschichten erzählen konnte.

Nach den Baggern kamen weitere Baumaschinen. Sie hoben ein Fundament aus und bereiteten einen Betonguss vor, sie trugen Schutt fort und frisches Baumaterial heran, und langsam entstand auf dem alten Bauplatz ein neues Gebäude.

Die Erwachsenen schauten dem zu und freuten sich. Der Baulärm war lästig, ja, aber war der alte Platz nicht immer ein Dorn in ihrem Auge gewesen? Der Neubau wertete sicher alle Grundstücke in der Straße auf. Und überhaupt, es war doch immer besser, wenn etwas entstand, als wenn es verrottete.

Nur die Kinder sahen es anders. In ihren Augen waren die Maschinen nicht gekommen, um aufzubauen, sondern um zu vernichten. Und noch lang, nachdem die ersten Familien in das neue Haus gezogen waren, erzählten sie einander von dem Jungen, der auf dem alten Bauplatz auf den Bohlenstapel geklettert, in der Mitte im morschen Holz eingebrochen und festgeklemmt war.

„Er hat sich beide Beine gebrochen“, sagten die einen.

„Er kam nie wieder raus und ist verhungert“, sagten die nächsten.

„Der Stapel hat ihn einfach so verschluckt, haps, wie ein Monster“, sagten die dritten. Aber einig waren sie sich alle: „Und bis heute spukt er auf dem Grundstück.“

 

(24.07.2016, 806 Wörter. Ja, ein etwas älterer Text – ich hatte lieben Besuch und bin also aus einem sehr angenehmen Grund nicht zum Schreiben gekommen :-) Nächste Woche klappt’s bestimmt wieder.)

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