Im Kreis

Ich sitze in der Ringbahn und fahre der Sonne entgegen. Ich kann sie nicht einholen, das nicht, denn zwischen Sonnenallee und Treptower Park wird die Bahn nach Norden abbiegen, während die Sonne sich auf ihren langen Weg nach Süden macht, in Richtung Mittag. Doch wir werden uns wiedersehen.

Sonnenallee. „Zurückbleiben, bitte.“ Ausfahrt aus dem Bahnhof, über den Kanal, und dann kommt schon die sanfte Kurve, Treptower Park, die Spree, dann das Ostkreuz. Kurz vor jeder Station zählt die sanfte Tonbandstimme die Umsteigemöglichkeiten auf, aber ich will nicht umsteigen, heute nicht. Ich bleibe sitzen.

Die Türen schließen wieder, die Bahn fährt an. Die Sonne strahlt jetzt zum rechten Fenster herein, kitzelt mich im Gesicht, und ich lächle mit vor der Helligkeit geschlossenen Augen. Wir nähern uns der Frankfurter Allee, fahren weiter nach Norden. Die Sonne bewegt sich in die andere Richtung. Ich bleibe sitzen.

Der Ring dreht sich weiter, von nordwärts über nordwestlich nach westwärts durch den Prenzlauer Berg, und ich drehe mich mit ihm, während die Sonne in meinem Rücken verschwindet. Zwischen Schönhauser Allee und Gesundbrunnen schaue ich nach Norden und sehe all die vielen Gleise, S-Bahnen, Regionalbahnen, ICEs, die sich dort treffen und wieder auseinanderdriften. So viele Wege, so viele Möglichkeiten, so viele Ziele und so viele Reisen, doch ich bleibe sitzen.

Es geht weiter, in den Westen, in den Wedding. Die Sonne steigt höher, und während die Ringbahn sich sanft nach Süden neigt – Ostsüdost, hier, um genau zu sein – wende ich ihr meine linke Schulter zu. Eine scharfe Südkurve um das Schloss Charlottenburg, und sie leuchtet mir direkt ins Auge. Hier ist Berlin bürgerlich und grün, aber nicht lang, dann kommt das ICC, das Messezentrum. So hässlich der Bau, ein retrofuturistisches UFO, das aus den 1970er Jahren in der Gegenwart gelandet ist, so viele Menschen streben doch hierher, zum Lernen, zum Handeln, zum Austausch mit der Welt. Ich weiß nicht, was hier gerade stattfindet, doch ich sehe die Vielen, die hier aussteigen. Ich nicht; ich bleibe sitzen.

Südlich von Westkreuz fahre ich wieder weiter östlich. Die Sonne ist ein bisschen weitergewandert, und ihr Licht fällt jetzt schräg von oben in meine Augen. Ich blinzle ihr zu. Sie blinzelt mit Wolkenlidern zurück, und ich wende mich wieder zu ihr hin, als die Bahn zwischen Heidelberger und Bundesplatz ganz nach Osten dreht. Zum zweiten Mal an diesem Tag fahre ich ihr entgegen, und wie sie lächelt, so lächle ich auch und bleibe sitzen.

Am Südkreuz ein Schlenker nach Süden, dann entlang dem Tempelhofer Feld, weit und leer und voller Möglichkeiten, wie die ganze Stadt. Ich könnte in die U6, die U7 in Neukölln, die U8 an der Hermannstraße umsteigen und hinein oder hinaus fahren. So viele Gleise, S-Bahnen, U-Bahnen, Züge, Busse, die sich entlang des Rings treffen und wieder auseinanderdriften. So viele Wege, so viele Möglichkeiten, so viele Ziele und so viele Reisen.

Ich bleibe sitzen. Bis zur Sonnenallee, hinter der es wieder nach Norden geht, am Ostkreuz vorbei, am Gesundbrunnen, und bis ich das Westkreuz zum zweiten Mal kreuze, kann ich der Sonne dort entgegenfahren. Sie wandert, nach Süden, nach Westen, zum Horizont, zur Nacht.

Ich nicht. Ich bleibe sitzen. Ich werde sie wiedersehen.

 

(26.02.2017, 527 Wörter)

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6 Kommentare

  1. erinnert mich daran, wie ich das Tramfahren in Melbourne liebte ;)

  2. Hmm, jetzt hab ich irgendwie Heimweh nach Berlin…

  3. Erinnert mich sehr daran als wir noch in Berlin gelebt haben.

    Liebe Gruesse

    Monika

    1. Ich hoffe, das sind schöne Erinnerungen :-)

  4. Ich wollte schon immer mal den kompletten Ring befahren. Komisch, hab es noch nie gemacht. Na vielleicht beim nächsten Besuch 😊

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