Ambitionen

Als ich ungefähr sechs Jahre alt war, beschloss ich, ein Buch zu schreiben. Praktischerweise hatte ich eines, mit leeren Seiten und einem schönen, festen Einband mit dem Logo der Stadtbibliothek darauf, denn dort hatte ich es bekommen. Aber in Bücher gehörten Geschichten, das wusste ich (ich liebte Bücher schon damals), also musste ich selber eine schreiben.

Es war nicht die erste Geschichte, die ich mir ausgedacht hatte – einmal hatte ich sogar ein „Buch“ aus ein paar Blatt Papier mit Paketschnur „gebunden“, Bilder hineingemalt und dann meine Eltern genötigt*, die Geschichte dazu hineinzuschreiben. Aber dies sollte mein erstes selbstgeschriebenes Buch sein, und außerdem war es ja ein richtiges, gebundenes Buch.

Eine Idee hatte ich auch schon: Es ging um einen kleinen Maulwurf mit dem originellen Namen Grabi, der sich in den Garten einer Frau grub, die meiner Mutter auffällig ähnlich war. Dort sollte er dann mit ihr zusammen Abenteuer erleben, oder zumindest das, was ein ungefähr sechsjähriges Mädchen so unter Abenteuern verstand. Einer der Höhepunkte war ein Versteckspiel… Nicht ganz der nächste Herr der Ringe, aber irgendwo muss man ja anfangen; außerdem hatte ich Spaß am Schreiben, und das war die Hauptsache. Meine Mutter musste jedes neue Kapitel lesen (alle zwei bis drei Seiten in großer, krakeliger Kinderschrift) und lobte mich auch brav.

Es lief super – für ein paar Kapitel. Dann war vielleicht ein Dutzend Seiten voll, bestimmt über hundert noch leer, und mir gingen die Ideen aus, was ein Maulwurf und eine Frau in ihrem Garten noch so erleben konnten. Schließlich sollte das Ganze auch noch realistisch sein, sprechender Maulwürfe ungeachtet. Da konnte nicht einfach Raymond Chandlers berühmter Mann mit der Waffe durch die Tür kommen – Waffen waren meiner Kinderwelt (zum Glück!) völlig fern, ein Revolver ungefähr so häufig wie ein magisches Schwert. Ich kritzelte noch ein paar Bilder von Maulwürfen, Frauen und Gärten, dann rutschte das Buch auf meinem Schreibtisch immer weiter nach hinten, und irgendwann war es unter anderen Dingen verschwunden, und ich dachte nur noch daran, wenn ich mal wieder aufräumen sollte und es mir zwischen die Finger geriet.

Ein paar Jahre später beschloss ich noch einmal, ein Buch zu schreiben. Diesmal wieder ein selbstgebasteltes, ohne festen Einband, dafür in Goldpapier eingeschlagen. Ich hatte auch schon einen ganz tollen Titel, den ich in Schönschrift auf das goldene Cover schrieb. Es ging um ein Mädchen und ihr Pferd und die Abenteuer, die sie zusammen erlebten, und war ganz sicher kein Abklatsch der vielen Pferdemädchen-Bücher, die ich damals verschlang…

Bei diesem Versuch reichte es gerade einmal für ein Kapitel. Ich glaube, das Mädchen hatte noch nicht einmal ihr Pferd bekommen. Bücherschreiben war wohl doch schwieriger, als ich mir das vorgestellt hatte.

Ich gab das Schreiben also erst einmal auf und blieb, was Bücher betraf, beim Lesen. Ab und zu versuchte ich mich an Kurzgeschichten, die ich ebenfalls nicht zu Ende brachte, und Gedichten, deren Qualität umgekehrt proportional zu ihrem Engagement war (es waren größtenteils sehr engagierte Gedichte).

Dann hatte ich einen Traum. Also, nicht so Martin-Luther-King-mäßig, sondern einen richtigen Nachttraum, in dem ich einen Roman schrieb. Der Traum war so detailliert, dass ich mich beim Aufwachen an den Plot erinnern konnte.

Ich beschloss, es noch einmal zu versuchen. Dieses Buch entstand auf Karopapier, dessen Ränder ich mit aufwändigen, farbig gemalten Borten verziert hatte, jedes Blatt mit einem anderen Motiv. Mit dieser Geschichte kam ich weiter, sie nahm richtig Fahrt auf, die Charaktere entwickelten sich… und dann stand eine große Entscheidung an, und mir ging auf, dass mein toller Traum einen großen Haken hatte: Die fantastische Idee, die ich darin gehabt hatte, klang, einmal in der Realität zu Papier gebracht, ziemlich doof.

Ich gab auf, mal wieder.

In den Jahren seither habe ich immer wieder Romane angefangen und wieder abgebrochen. Mein letzter Versuch liegt etwa zweieinhalb Jahre zurück und hat immerhin stolze 111 Seiten erreicht. Dann habe ich aufgegeben.

Vielleicht ist manchmal wirklich die Reise das Ziel? Aber vielleicht klappt es beim nächsten Versuch endlich mal. Ich hab da so eine Idee…

 

(05.03.2017, 665 Wörter)

* Das klingt schlimmer, als sie es vermutlich empfanden, aber ich bin ziemlich sicher, dass ich ein „nein“ nicht akzeptiert hätte…

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5 Kommentare

  1. Was für eine schöne Geschichte :-)

  2. Sehr unterhaltsam geschrieben :D so ähnlich ist auch meine eigene Geschichtenschreiben-Biographie.
    Ich wünsche dir viel Erfolg bei deinem aktuellen Projekt :)

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