Die Wilde Jagd (Teil 2)

(Teil 1)

Es knallte wieder. Katharina, die das Fenster nicht aus den Augen gelassen hatte, seit Heinrich das Haus verlassen hatte, zuckte zusammen.

„Oh nein“, entfuhr es ihr. Der Wind hatte den Fensterladen endgültig abgerissen, doch das Feuer spiegelte sich in der Scheibe, sodass sie nur schwer erkennen konnte, was sich draußen abspielte. Auch hören konnte sie kaum etwas. Der Sturm heulte lauter und lauter ums Haus, und das Lachen und Toben der Wilden Jagd heulte mit ihm. Sie mussten ganz nah sein. Oh, hoffentlich gab Heinrich auf und kam zurück! Katharina sprang auf und ließ das Strickzeug in den Korb fallen.

Das Fenster zitterte, und die Flammen, die sich darin spiegelten, schienen noch stärker zu flackern. Katharina wusste, dass sie sich in Sicherheit bringen sollte, so weit entfernt von dem Fenster wie möglich, doch sie konnte nicht fort. Nicht, solange Heinrich dort draußen war.

Sie trat an die Scheibe und spähte hinaus. Die Dunkelheit schien undurchdringlich. Als sie die Hände auf das Glas legte, um ihre Augen gegen das Licht in der Stube abzuschirmen und mehr zu sehen, spürte sie, wie es unter ihren Fingern bebte. Der Sturm hatte mit einem Laden nicht genug gehabt, er rüttelte am zweiten ebenso wie am Rahmen selbst. Mit Entsetzen sah Katharina, wie der Haken, der die Fensterflügel zusammenhielt, in seiner Öse zitterte und hüpfte.

Mit einer Hand hielt sie den Haken, mit der anderen beschirmte sie ihre Augen. Wo war Heinrich?

Als sie ihn nicht sofort sah, kämpften Hoffnung und Furcht in ihrem Herzen. War er auf dem Weg zurück zur Tür? Sollte sie ihm entgegengehen, ihm hereinhelfen? Sie könnten das Fenster von innen mit Brettern verschließen und die Nacht gemeinsam überstehen…

Oder war es bereits zu spät? Konnte sie ihn deshalb nicht sehen, weil er der Wilden Jagd bereits in die Hände gefallen, ein Opfer des Sturms geworden war? Ihre Finger um den Fensterhaken krampften sich zusammen.

Da sah sie eine Bewegung. Heinrich? Die schrecklichen Geister, die verdammten Seelen der Wilden Jagd? Oder nur ein Ast, den der Sturm abgerissen hatte? Doch was hieß nur? Ein Ast, von diesem Orkan gegen das Fenster geschleudert, mochte das Glas zerbrechen und damit ihren letzten Schutz vor dem Bösen, das draußen feierte.

Wenn Heinrich doch nur geblieben wäre! Wenn er doch nur zurückkäme! Sie presste das Gesicht fester an die kalte Scheibe und spähte angestrengt hinaus.

Wieder bewegte sich etwas im Dunkeln, und diesmal sah sie, dass es Heinrich war. Der Sturm zerrte an seinen Kleidern, suchte seine Glieder zu packen und ihm das Werkzeug zu entreißen. Denn er hielt einen Hammer in der Hand, wie sie nun sah, und mit der Linken presste er den Fensterladen gegen die Wand, damit der Wind ihn nicht forttragen konnte.

Was hatte der närrische Mann vor? Wie wollte er den Laden reparieren in diesem Wetter? Katharina drängte es, das Fenster zu öffnen und ihn hereinzurufen, doch das hätte ihrer beider Verderben bedeutet. So konnte sie nur den Haken festhalten, hinausschauen und beten, dass die Mächte des Himmels ihrem Mann beistehen mochten in diesem Höllenwetter.

Langsam, Zoll für Zoll, schob Heinrich den Laden nach oben. Die abgebrochenen Scharniere, die noch aus der Wand standen, behinderten ihn, und er konnte das Holz nicht von der Wand entfernen, ohne es dem Wind preiszugeben. Schließlich gelang es ihm, den Fensterladen über die Scheibe zu legen. Er lag zwar schief und nur halb über dem Glas, doch Katharina merkte sofort, wie das Beben des Fensters nachließ, als das feste Holz einen Teil des Windes abhielt. Nun verstand sie, was Heinrich vorhatte.

Am Rand des schiefen Ladens sah sie, wie er sich gegen das Fenster presste. Sein Körper hielt das Holz an Ort und Stelle, und als sie seine Hammerschläge mehr spürte als hörte, wusste sie, dass es ihm gelingen konnte.

Dennoch schlug ihr Herz angstvoll. Er musste doch noch zurückkommen, und die Wilde Jagd war nun beinah über ihnen! Weitere Hammerschläge, an der unteren Seite diesmal. Katharina spähte durch die Lücken. Oh, wenn er doch nur fertig wäre, wenn er doch nur zurückkäme!

Jetzt hörten die Schläge auf, und sie sah, wie er sich zur Seite schob, immer an der Wand entlang, zurück in Richtung Tür. Der Wind zerrte an seinen Kleidern, und dann zerrte da noch etwas – geisterhafte Hände, grau und tot, mit Nägeln wie Krallen…

 

(12.03.2017, 713 Wörter. Es geht weiter! Ich wette, ihr dachtet, ich hätte diese Geschichte vergessen… :-P )

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3 Kommentare

  1. Spannend geschrieben!!

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