Road Trip (Teil 1)

Von der Oberbaumbrücke in Berlin, wo wir Johnny erschossen hatten, bis zur polnischen Grenze sind es 87 Kilometer. Google Maps sagt, dass wir dafür eine Stunde und 21 Minuten brauchen. Wir warfen uns einen Blick zu.

„Einundachtzig Minuten“, sagte Sun. „Das können wir toppen.“ Sie legte den Rückwärtsgang ein und trat aufs Gas.

Sun heißt eigentlich Sandra, und sie hatte den ersten Schuss abgegeben. Ihr Zeigefinger ist verdammt noch mal zu locker. Sie ist eben ein Heißsporn. Und fährt einen heißen Reifen. Ich hatte vorher noch nie gesehen, wie jemand in einem Zug rückwärts ausparkt, zwei voll besetzte Spuren überquert und dann voll in die Eisen steigt. Um dem ganzen den richtigen Kontext zu geben: Die Oberbaumbrücke hat weder einen Parkstreifen noch mehr als zwei Spuren pro Richtung. Aber was sollten wir machen? In Richtung Friedrichshain staute sich alles, und wir hatten es verdammt eilig, denn Johnny, unter dessen Körper die rote Pfütze langsam immer größer wurde, hatte Freunde.

Ach ja, und der eine oder andere Autofahrer, der uns notgedrungen beobachtet hatte, hatte vermutlich die Polizei gerufen.

Sun stieg also in die Eisen und preschte entgegen der Fahrtrichtung über die Oberbaumbrücke nach Friedrichshain. An der Kreuzung mit der Mühlenstraße wurde es noch einmal richtig interessant, zumal Sun die Ampel weder sehen konnte noch beachten wollte (wir hatten, dem Verkehr nach zu schließen, rot); dann ging es die Warschauer Straße im Slalom entlang bis zur Frankfurter Allee.

„Rechts“, schrie ich in letzter Sekunde, den Blick fest auf mein Smartphone geheftet – um den Weg im Blick zu behalten und um nicht mitanzusehen, was Sun mit der Straßenverkehrsordnung machte. Ich glaube, ich bin manchmal etwas zu zart besaitet.

Sun bog natürlich auch hier in die falsche Spur ein – warum aufgeben, was einmal funktioniert hatte? Und so rasten wir auch die Frankfurter Allee im Slalom um die entgegenkommenden Autos hinab. Inzwischen hatte allerdings offensichtlich jemand das Verkehrsradio informiert, denn erstaunlich viele fuhren brav an die Seite und ließen uns ungehindert passieren. Was ich mit Erleichterung zur Kenntnis nahm, enttäuschte Sun maßlos.

„Wie jetzt, einfach den Schwanz einklemmen? Das macht doch gar keinen Spaß mehr so!“

„Sei froh, so kommen wir schneller voran. Denk dran, dass sie uns inzwischen bestimmt auf den Fersen sind…“, gab ich zu bedenken, und wie aufs Stichwort ertönten die ersten Martinshörner.

„Fuuuck“, zischte Sun und lehnte sich aufs Gaspedal. Wir rasten über die S-Bahn in Lichtenberg hinweg.

„Jetzt Alt-Friedrichsfelde entlang“, las ich von meinem Handy ab.

„Was? Wo?“, Sun warf mir einen panischen Blick zu.

„Immer gradeaus“, beruhigte ich sie, „die Straße heißt ab hier nur Alt-Friedrichsfelde.“

„Dann halt die Klappe, wenn du nichts wichtiges zu sagen hast!“

Aha. Sun war also doch aus der Ruhe zu bringen, stellte ich im Stillen fest. Na gut. Ich hielt die Klappe und scrollte schon mal ein Stück weiter auf der Karte, um ihr rechtzeitig Bescheid sagen zu können, wenn sie abbiegen musste.

Erst einmal ging es jedoch immer geradeaus, Biesdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf – es wurde grüner, aber ich hatte kaum ein Auge für die vorbeiziehende Landschaft. Kamen die Sirenen näher? Ich warf einen letzten prüfenden Blick auf mein Handydisplay und dann, nachdem ich sicher war, dass Sun meine Navigationskünste erst einmal nicht brauchen würde, durchs Heckfenster.

„Shit“, entfuhr es mir. Ja, die Sirenen kamen näher – und zwar nicht nur von hinten. Aus einer der Seitenstraßen, an denen wir vorbeirasten, preschten zwei Streifenwagen und setzten sich dicht hinter uns. Mit Lichtzeichen und einer aus dem Seitenfenster gehaltenen Kelle bedeuteten sie uns, rechts ranzufahren. Ich grinste. Klar, das würden wir jetzt machen, dann ließe sich sicher alles in einem freundlichen Gespräch klären…

 

(August/Oktober 2016, 611 Wörter. Ja, auch in der Zeit, in der dieser Blog im Winterschlaf war, habe ich ein bisschen was geschrieben ;-) Und da ich kommende Woche zu einer langen Reise aufbreche, gibt es heute und an den nächsten beiden Sonntagen eines dieser Werke. Wenn ich Mitte April zurückkomme, bin ich hoffentlich wieder voller neuer Ideen – und schreibe wieder neue Texte. Bis dahin viel Spaß mit Sun und ihrer Freundin!)

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