Road Trip (Teil 2)

Ich drehte das Fenster herunter und lehnte mich raus. Ein gezielter Schuss ließ die Kelle davonfliegen. Der Polizist am Steuer ließ sich davon allerdings leider nicht beeindrucken. Nicht, dass ich daran geglaubt hätte, aber mein Schuss hatte verdammt gut gesessen, wie ich fand.

Egal. Ich lehnte mich noch ein Stückchen weiter und zielte näher zum Boden.

„Wenn ich ‚jetzt‘ sage, ziehst du ein Stück nach links, klar?“

„Klar“, sagte Sun. Ich weiß nicht, ob sie ahnte, was ich vorhatte, oder einfach nur Spaß am Slalomfahren hatte, aber ich wusste, dass ich mich auf sie verlassen konnte. Ich konzentrierte mich, stützte die Hand an der Autotür ab, zielte… „Jetzt.“

Wir zogen nach links, das Polizeiauto zog nicht sofort nach, und in dieser halben Sekunde setzte ich eine Kugel in seinen rechten Vorderreifen. Der Bullenwagen schleuderte, drehte sich, und dann ließen wir ihn hinter uns und rasten weiter Richtung Osten. Die Martinshörner wurden leiser. Anscheinend war es mir gelungen, die halbe Straße zu sperren. Nice.

Doch das brachte mich auf einen anderen Gedanken: Was, wenn die Polizei auf dieselbe Idee kam?

„Wie lang dauert es, eine Straßensperre einzurichten?“, fragte ich laut. Sun warf mir aus den Augenwinkeln einen Blick zu. „Wahrscheinlich nicht lang genug“, sie zuckte mit den Schultern. „Lass uns darüber nachdenken, wenn es so weit ist.“

Ich nickte. Es half ja auch nichts. Wenigstens waren wir die Bullen fürs erste los. Jetzt hatten wir Zeit, uns über die Conchiglie Gedanken zu machen.

Johnny war ein Vollidiot, das wussten alle, und er hätte Sun nicht provozieren dürfen, um deren Temperament ebenfalls alle wussten. Trotzdem war er ein Conchiglie. Und das hieß: Wer ihn umlegte, hatte die ganze Familie gegen sich. So funktionierte das nun mal.

„Wie viele Conchiglie leben eigentlich in Hoppegarten?“, fragte ich, während Sun zugleich sagte: „Ich hoffe, hier im Osten leben keine Conchiglie…“

Wir schauten uns an und mussten lachen, obwohl unsere Situation alles andere als witzig war.

Ich wurde wieder ernst. „Die meisten wohnen in Westberlin“, überlegte ich laut. „Da haben sie alles aufgebaut, vor dem Mauerfall. Aber seit ’90 sind bestimmt welche rübergezogen.“

„So richtig Fuß gefasst können sie aber nicht haben“, behauptete Sun. „Sind doch alles Russen im Osten.“

„Und Polen, unterschätz die nicht. Außerdem weiß ich nicht, wie gut die miteinander können – Konkurrenz hin oder her, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, und keiner von denen will jemanden laufen lassen, dem der Finger zu locker am Abzug sitzt“, ich warf ihr einen scharfen Blick zu.

„Niemand wird diesen Trottel vermissen“, maulte sie. „Nicht mal seine eigene Mutter.“

„Stimmt. Aber Conchiglie ist Conchiglie. Du hättest ihn wenigstens bei einer Gelegenheit kaltmachen können, bei der wir nicht offiziell verabredet waren und jeder gottverdammte Gangster der ganzen Stadt sofort weiß, dass du es warst.“

Sie streckte mir die Zunge raus, dann riss sie hastig das Steuer herum und wich in letzter Sekunde einem entgegenkommenden Lkw aus.

„Wie dem auch sei“, stellte ich fest, nachdem sich mein Herz wieder etwas beruhigt hatte, „sie werden hinter uns her sein, und das beste, was wir hoffen können, ist, dass sie momentan so mit den Russen verkracht sind, dass die sich raushalten, statt ihnen einen Gefallen zu tun.“

Sun nickte, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. Wieder schwenkte sie um einen Transporter, verfehlte haarscharf die Leitplanke und fluchte herzhaft, während sie unser Auto wieder auf Spur brachte. „Wo kommen auf einmal diese ganzen beschissenen Lastwagen her?“ Noch einmal riss sie das Steuer herum, diesmal in die andere Richtung, als der nächste Lkw uns auf der Überholspur entgegenkam.

 

(August/Oktober 2016, 600 Wörter)

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