Road Trip (Teil 3)

Ich drehte mich um. Der Transporter von eben hatte gewendet und fuhr nun, ebenfalls in die falsche Richtung, hinter uns her. „Gottverdammte Scheiße“, fluchte ich. „Ich weiß nicht, wo die herkommen, aber ich weiß, wie der Fahrer mit Nachnamen heißt.“

„Fuck!“, brüllte Sun in diesem Augenblick, als ein riesiger SUV mit chromglänzendem Kuhfänger genau auf uns zuhielt. Sie versuchte wieder auszuweichen, doch er folgte ihrer Bewegung. Sie bremste. Er gab Gas.

Ich schloss die Augen. Verdammt, so wollte ich nicht draufgehen, von einem Conchiglie auf die Straße geschmiert wie Marmelade.

Ein Schlag. Mein Kopf wurde gegen das Seitenfenster geschleudert, dann zurück, sodass er gegen die Kopfstütze prallte. Etwas quietschte, es krachte, die Beschleunigung presste meinen Körper in den Sitz und meinen Kopf zwischen Fenster und Kopfstütze nach hinten. Es fühlte sie an, als müsste mein Hals jeden Augenblick reißen. Ich hörte Schreie, Flüche, Hupen.

Dann ließ die Beschleunigung nach, und mir wurde langsam klar, dass ich noch lebte. Ich hob behutsam den Kopf und öffnete die Augen. Wir rasten über den Bürgersteig. Uns kam noch ein Lkw entgegen, und dieses Mal erkannte ich sogar das Logo einer der Tarnfirmen der Conchiglie auf seinem Führerhaus, doch an dieser Stelle trennte eine Reihe Bäume den Gehweg von der Fahrspur, und der Lkw war zu breit, um uns zu erwischen.

Sun umklammerte das Lenkrad, als sei es ihr Rettungsfloß in stürmischer See, und starrte nach vorn. Ich drehte mich nach hinten. Ein regelrechter Auflauf aus einem halben Dutzend Lastwagen vom Kleintransporter bis zum Zwölfachser stauten sich bei dem Versuch, aneinander vorbei und hinter uns her zu kommen. Mittendrin klemmte der SUV, dessen Fahrer sich fluchend aus dem Fenster lehnte und den anderen irgendwas zubrüllte. Ich schluckte. Dem Himmel sei Dank, dass Sun so eine verdammt gute Fahrerin war. Wenn wir da hinein geraten wären, könnten wir froh sein, wenn man am Ende noch genug Genmaterial vom Asphalt hätte kratzen können, um uns zu identifizieren.

Schon waren wir an der nächsten Ecke, und Sun lenkte unser Auto zurück auf die Straße. Ich schaute auf das Smartphone, das ich so fest umklammert hatte, dass seine Kanten rote Linien auf meiner Handfläche hinterließen. Wir hatten die Stadtgrenze inzwischen hinter uns gelassen und durchquerten gerade Dahlwitz-Hoppegarten. Noch zweiundsiebzigeinhalb Kilometer. Ich atmete tief durch.

Der Tacho zeigte knapp über achtzig km/h an. Ich überschlug schnell im Kopf. „Gut fünfzig Minuten bis Polen in dem Tempo und wenn die Straße frei bleibt“, sagte ich leise. Sun warf mir einen Blick zu. „Was machen wir eigentlich, wenn wir in Polen sind?“, wollte sie wissen.

Ich zuckte mit dem Schultern. „Die Straßenseite wechseln. Und dann? Keine Ahnung. Kannst du Polnisch?“

„Nee, kein Wort. Du?“

„Auch nicht. Aber Russisch hab ich in der Schule gelernt. Da krieg ich bestimmt noch ein paar Sätze zusammen.“

Владивосток должен быть красивым летом“, sagte sie. Ich übersetzte mühsam im Kopf. „Ja“, antwortete ich dann, „aber auch verdammt weit weg.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Bis zum Pazifik reicht der Einfluss der Conchiglie jedenfalls nicht. Und ich habe ja nicht gesagt, welcher Sommer“, sie zwinkerte mir zu.

Ich lehnte mich in die Polster. „Wladiwostok. Warum nicht?“

Sun grinste und gab Gas.

(August/Oktober 2016, 528 Wörter. Hoffen wir, dass sie gut ankommen! Ob ich gut zurückgekommen bin, erfahrt ihr übernächste Woche.)

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