Tucson, Arizona

Manchmal brauche ich einfach Urlaub. Manchmal muss ich einfach mal raus, den Kopf frei kriegen, andere Luft atmen, andere Gesichter sehen, auf anderen Straßen laufen…

Manchmal reicht es dann, in eine andere Stadt zu fahren. Manchmal tut es ein anderes Land.

Dieses Mal bin ich in einem anderen Kontinent, und die Luft könnte nicht unterschiedlicher sein. Arizona ist trocken, so trocken, dass das Atmen in den ersten paar Stunden weh tat, bis sich meine Nase daran gewöhnt hatte; so trocken, dass jede Autofahrt mit einem elektrischen Schlag endet, weil schon der Kontakt mit den Sitzbezügen ausreicht, um statische Elektrizität aufzubauen; so trocken, dass der Berg, auf dem wir vorige Woche in der Nähe des Gipfels noch Schnee fanden, in der vergangenen Nacht gebrannt hat.

Die Wüste, in der Tucson, Heimatstadt meiner aktuellen Gastgeberin, liegt, ist die Sonora. Wie die meisten Wüsten ist sie nicht so leer, wie man als Stadtkind aus den gemäßigten Breiten vielleicht erwartet, sondern vielmehr voller Leben – und voller Schönheit. Manches davon ist groß und beeindruckend – die bis zu vier Meter hohen Saguaro-Kakteen, die leuchtend roten Blütenstände des Ocotillo, die bizarren Felsformationen auf den Flanken des Mount Lemmon. Manches ist klein und aus den ersten Blick unauffällig – die Echsen, die hier jede Felsritze bewohnen, die Skorpione, die unter Schwarzlicht knallgrüngelb leuchten, die feinen Zeichnungen in rotem Eisenoxid, die Sedimentierung und Verwitterung in den Steinen am Wegesrand hinterlassen haben. Der Himmel scheint größer hier, weiter. Sonnenuntergänge tauchen ihn in zarte Pastellfarben, während die Felsen und Berggipfel in Gold und Rot leuchten, glühen, als wollten sie die Hitze des Tages in die Nacht retten.

Die Nächte sind, wie in jeder Wüste, kühl. Die Wärme des Tages verfliegt fast sofort, wenn der Horizont die Sonne verschluckt hat; keine Wolken halten sie am Boden, kein Wasser speichert sie und gleicht aus. Wie zum Ausgleich präsentiert sich dafür ein Sternenhimmel, auf den Tucson zu recht stolz ist – so stolz, dass es sich zur „dark night city“ gemacht hat, was erklärt, warum die Straßenlampen eher dekorative als lichtspendende Zwecke zu erfüllen scheinen. Die Verandabeleuchtung der hübschen kleinen Häuser in unserem Stadtteil – nur ein paar Schritte nördlich der Innenstadt und ein paar Ecken entfernt von der 4th Avenue mit ihren Restaurants, Cafés, Lädchen und Tattoostudios – ist allerdings hell genug, dass wir unseren Weg finden. Selbst um den Anblick der liebevoll gestalteten Fassaden und Vorgärten zu genießen, reicht das Licht, und einzelne Bewohner – wie jene in dem blauen Haus mit den blauen Gartenstühlen und den blau blühenden Sträuchern – haben ihre Lampen sogar der Dekoration angepasst. Doch die eigentliche Schönheit von blühenden Fasskakteen, stoischen Steppengräsern, den eigentümlichen grünberindeten Bäumen, die für diese Gegend typisch sind und deren Namen ich vergessen habe sowie der Farbexplosionen der Bougainvilleen wird im Tageslicht sichtbar.

Ja, Tucson ist schön. Dass die Stadt außerdem Heimat einer großen Universität ebenso wie einer lebendigen Künstlerszene ist, macht sie umso lebens- und liebenswerter; von der Küche (international, mit deutlichen mexikanischen Einflüssen, einer lebendigen Craft-Beer-Szene und sogar Weinbau in der Wüste) fange ich lieber gar nicht erst an, denn irgendwann muss ich auch wieder aufhören… Kurz und gut, hier konnte ich mich entspannen, erholen, meinen Kopf vom Wüstenwind freiblasen lassen. Und wenn mir der Tucsoner Sommer mit seinen mehr als achtzig Tagen mit Temperaturen über 100 Fahrenheit nicht soviel Angst einjagen würde, käme ich ernsthaft in Versuchung…

…aber Berlin wartet auf mich, meine Arbeit, die mir Freude macht, meine Freunde, meine Hobbies. Ich möchte wiederkommen, das ja, aber für dieses Jahr heißt es erst einmal bye-bye, Tucson. Oder doch besser auf deutsch: Auf Wiedersehen!

 

(09.04.2017, 587 Wörter. Tja, Urlaub zu Ende… Zu diesem Anlass eine kurze Frage an meine geschätzten Leserinnen und Leser: Ich hätte von dieser Reise eine Menge zu erzählen. Würden euch Reiseberichte im klassischen Sinn interessieren, oder soll ich meine Erlebnisse lieber wie meistens in Geschichten verpacken? Oder bevorzugt ihr eine Mischung? Ich freue mich auf eure Antworten – und natürlich über jeden anderen Kommentar und über stille Leser!)

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