Flucht auf den Mount Lemmon (Teil 1)

Sid rannte, so schnell ihn seine Beine trugen, aber er wusste, dass er nicht weit kommen würde. Die Polizei musste gleich am Tatort sein, er konnte schon die Sirenen hören, und es gab viel zu viele Zeugen, die gesehen hatten, in welche Richtung er lief. Mit seinem blutdurchtränkten Overall war er noch dazu viel zu auffällig, um einfach in der Menge zu verschwinden. Doch im Augenblick fiel ihm nichts besseres ein als zu rennen; also rannte er.

Wie hatte das nur so schiefgehen können? Sie hatten doch alles perfekt geplant. Alle Ein- und Ausgänge der Bank ausgekundschaftet, die Schichten der Bankangestellten und des Wachdienstes ermittelt, den Ablauf hundertmal geprobt. Es hätte ein Spaziergang sein sollen. Rein, die Schalterhalle unter Kontrolle bringen, die Tageskasse ausräumen, raus. Auf den Kameras nichts als vier identische Billig-Overalls, vier Paar allgegenwärtige Walmart-Turnschuhe, vier Anonymous-Masken; die Overalls und Masken wären zwei Ecken weiter in einem Müllcontainer verschwunden, und niemand hätte sie je damit in Verbindung bringen können.

Es hatte so gut angefangen.

Bis die anderen aufgetaucht waren. Vier identische Billig-Anzüge, vier Paar allgegenwärtige Walmart-Herrenschuhe, vier Richard-Nixon-Masken. Vier Pistolen.

Und jetzt lagen drei Anonymousse und vier Richard Nixons in der Bank und warteten darauf, identifiziert und obduziert zu werden, und Sid, der einzige Überlebende, war zu Fuß auf der Flucht. Zu Fuß! Die Maske hatte er noch abgestreift, in der sinnlosen Hoffnung, unerkannt zu bleiben oder vielleicht auch einfach nur aus eingeübtem Reflex. Jetzt ließ er sie auf den Gehweg fallen und rannte um die Ecke. Spuren brauchte er nicht mehr zu vermeiden, er hatte genug DNA am Tatort zurückgelassen, als ihn der Streifschuss an der Schulter getroffen hatte. Zum Glück die linke, und zum Glück war er Rechtshänder, aber es blutete wie Sau.

Die Straße senkte sich und tauchte unter den Bahngleisen hindurch. Sid rannte in die Unterführung. Vielleicht würden die Bullen ihn nicht so schnell sehen, wenn er die andere Seite der Schienen erreichte? Egal, stehenbleiben war so oder so nicht drin. Er rannte weiter.

Am anderen Ende der Unterführung ging es erst einmal aufwärts, und zwar verdammt steil. Inzwischen hatte Sid Seitenstechen, und das Adrenalin war weit genug abgebaut, dass er merkte, wie verdammt weh seine Schulter tat.

Doch er hatte keine Zeit für Wehleidigkeiten. Er hetzte weiter, die North 6th Avenue hoch, nach rechts, nach links, wieder nach rechts, immer abwechselnd. Als er in die East 5th Street einbog, wäre er beinahe stehengeblieben. Was war das für ein Gedränge? Und… wo kamen die ganzen Fahrräder her? Im Laufen warf er einen Blick auf die Plakate rechts und links der Straße. Ach, richtig, der Bike Swap! Das war ja auch heute. Na toll, wie sollte er durch dieses Gedränge mit seiner verletzten Schulter…

„Au!“ Prompt hatte ihn jemand angerempelt. Hektisch sah er sich um und bekam gleich zwei weitere Stöße ab, die von den Missetätern kaum bemerkt wurden, Sid jedoch Tränen in die Augen trieben. Er musste hier weg, die Masse an Fahrradanbietern und -interessenten, Passanten und Neugierigen war wie ein Spießrutenlaufen. Doch wie sollte er hier rauskommen? In der Menge verschwinden ging nicht, seine Verletzung zog schon wieder neugierige bis besorgte Blicke auf sich.

Wieder stieß jemand gegen ihn, und Sid biss die Zähne zusammen, um nicht aufzuschreien. Der Typ hatte offensichtlich nichts bemerkt, er laberte einfach weiter: „…Gangschaltung optimal sowohl für Speed in der Ebene als auch für Bergtouren, die Reifen sind fast neu, haben noch ein super Profil, damit kommen Sie über Stock und Stein, und sehen Sie hier…“

Sid blieb wie angewurzelt stehen. Speed, ja? Das war doch genau das, was er jetzt brauchte. Und dieser rücksichtslose Mistkerl hatte es nicht besser verdient, beschloss er.

Er fuhr herum, trat zwischen den Verkäufer und seine potenzielle Kundin, die gerade nach dem Lenker griff, um eine Proberunde zu drehen, und riss das Fahrrad an sich. Er saß auf, bevor die beiden sich von ihrer Überraschung erholten, und trat mit demselben Schwung in die Pedale.

Die Menge teilte sich vor ihm wie vor den vielen anderen Testfahrern, und auf einmal fiel er nicht einmal mehr auf. Er beugte sich über den Lenker, hielt ihn so gerade, wie das mit einer gesunden Hand ging, und nahm Tempo auf. Aus der Ferne hörte er noch ein: „Hey! Was soll das denn, du Arsch?“, doch das kümmerte ihn nicht. Viel eher interessierten ihn die Sirenen, die langsam lauter wurden…

 

(16./17.04.2017, 724 Wörter. Jaja, schon wieder zu spät… Ich schieb’s auf den Jetlag. Ohne Witz, ich habe gestern bis kurz vor halb sechs abends geschlafen. Da war nicht mehr viel Zeit zum Schreiben… Nächstes Mal werde ich früher dran sein, versprochen! *gekreuzte Finger hinter dem Rücken versteck*

EDIT: Teil 2 ist online – und das pünktlich vor Ende der Woche!)

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2 Kommentare

  1. Bin schon gespannt, wie es weitergeht!

    1. Spoiler: Bis zum Mount Lemmon schafft er es mindestens ;-)

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