Flucht auf den Mount Lemmon (Teil 2)

(Teil 1)

Sid trat in die Pedale. Die Menschenmenge beim Bike Swap auf der 4th Avenue würde die Streifenwagen, die hinter ihm her waren, hoffentlich ein bisschen aufhalten. Doch lange konnte er nicht darauf hoffen. Niemand ließ sich gern überfahren, auch nicht von der Polizei, und dank den warnenden Martinshörnern würden die Passanten rasch ausweichen. Sid musste hier weg, so schnell wie möglich.

Er strampelte nach Leibeskräften. Die North 4th Avenue war flach, und dank dem Bike Swap gab es kaum Autoverkehr, sodass er gut vorankam, sobald er das Gedränge hinter sich gelassen hatte. Doch das hieß auch, dass seine Verfolger bald schneller vorankommen würden.

Zudem begann die Schusswunde in seiner Schulter schmerzhaft zu pochen. Er warf einen Blick auf seinen linken Arm. Das Blut floss stärker, der Ärmel seines Overalls war schon fast bis zum Handgelenk durchtränkt. Daran musste das Radfahren schuld sein. Die ungewohnte Anstrengung ließ sein Herz heftiger schlagen, und mit jedem Tritt in die Pedale pumpte es mehr Blut aus seinem Körper.

Er brauchte ein neues Fluchtfahrzeug. Eines, das schneller war – und weniger anstrengend, oder der Blutverlust würde ihn fertig machen, bevor die Bullen ihn schnappen konnten.

Doch wie sollte er an so etwas herankommen? Er sah sich um, ohne zu verlangsamen. Links vor ihm tauchte jetzt der Catalina Park auf. Spontan bog er auf den schmalen, gepflasterten Pfad ein, der schräg über die Wiese führte. Wenigstens würde ihm die Polizei hier nicht so schnell folgen können – zumindest hoffte er das. Zwischen den großzügig über die Grünfläche verstreuten Bäumen war sicher genug Platz für ein Auto, aber die Gesetzeshüter konnten nicht wirklich mit dem Pkw über einen Fußweg fahren… oder?

Egal. Einen Versuch war es wert, also radelte er schräg durch den kleinen, quadratischen Park, raste zwischen kreischenden Kindern über den Spielplatz in der Mitte und bog an der nordwestlichen cker auf die North 5th Avenue. Gleichzeitig zermarterte er sich das Hirn, wie er an ein Auto kommen sollte. Möglicherweise würde es ihm gelingen, eines aufzubrechen – aber das würde wertvolle Minuten dauern, und wenn der Besitzer nicht dumm genug war, einen Schlüssel im Handschuhfach zu hinterlassen, wäre er ohnehin aufgeschmissen. Sid hatte keine Ahnung, wie man ein Auto kurzschloss, aber er war ziemlich sicher, dass die Hollywood-Methode, beliebige Drähte irgendwie zusammenzustecken, an der Realität scheitern musste.

Dann erreichte er den East Speedway Boulevard – und hatte eine Eingebung. Hier musste eine Tankstelle sein – ja, genau, ein oder zwei Ecken weiter links, er konnte schon das Schild des Circle-K-Ladens sehen. Noch einmal beschleunigte er, so gut er konnte. Zwei Ecken, eine Ecke – da war die Tankstelle. Er bremste abrupt und sprang vom Fahrrad, das er achtlos auf dem Parkplatz fallen ließ.

Endlich war ihm das Glück hold. Ein Auto stand an einer der Zapfsäulen, und seine Fahrerin zog gerade den Stutzen aus dem Tank… und sie hatte die Fahrertür offengelassen. Wenn das keine Einladung war!

Die Fahrerin starrte ihn an, aufgeschreckt vom Klappern des fallenden Fahrrads und entsetzt von dem Blut, das inzwischen aus seinem Ärmel troff. Sid nutzte ihre Verwirrung, rempelte sie zur Seite und sprang in das Auto. Die Tür zuknallen und sie verriegeln war eins. Der Schlüssel steckte noch. Perfekt.

Er dankte dem Schicksal und startete den Motor. Inzwischen war die Frau aus ihrer Schockstarre erwacht und rüttelte an der Tür, doch Sid ignorierte sie. Was konnte sie ihm schon anhaben? Selbst wenn sie die Polizei rief – die konnten sich hinten anstellen. Und mit einem frisch aufgetankten Auto hatte er tatsächlich Chancen, davonzukommen.

Die Frau trommelte jetzt gegen das Blech und schrie irgendetwas, und die anderen Kunden wurden aufmerksam – Sid sah mehrere gezückte Handys, und mit leisem Amusement stellte er fest, dass mindestens zwei Drittel davon nicht benutzt wurden, um die Polizei anzurufen, sondern vielmehr ihre Kameras auf die Szene richteten. Er grinste und legte den Rückwärtsgang ein.

Mit quietschenden Reifen bog er zurück auf den East Speedway Boulevard, schaltete den Hebel auf „Drive“ und gab Gas.

 

(23.04.2017, 658 Wörter. Das Blatt scheint sich für Sid zu wenden…

EDIT: Teil 3 ist da!)

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