Flucht auf den Mount Lemmon (Teil 3)

(Teil 1; Teil 2)

Um die Tankstelle, an der er das Auto geklaut hatte, möglichst schnell hinter sich zu lassen, war Sid auf die nächstbeste Spur eingebogen. Erst als sich die Sirenen der Polizisten, die seit dem Banküberfall hinter ihm her waren, von vorne näherten, begriff er, dass das hieß, dass er auf dem Rückweg war. Er zuckte zusammen. Verdammt, was sollte er tun? Jetzt hieß es schnell denken.

Er hatte zwei Möglichkeiten – nein, drei. Er konnte so schnell wie möglich wenden. Das wäre auffällig und würde seine Fahrt verzögern, aber er würde sich damit wieder von den Bullen entfernen. Er könnte Gas geben und hoffen, dass sie nicht schnell genug reagierten. Das war riskant; wenn sie ihn zu früh bemerkten, konnten sie einfach die Straße blockieren, und selbst wenn sie ihn erst im Vorbeifahren sahen, wäre sein schöner Vorsprung erst einmal dahingeschmolzen.

Oder, und dieser Gedanke kam ihm erst Sekundenbruchteile, bevor er sich entscheiden musste… Die Polizei verfolgte einen Bankräuber auf einem Fahrrad. Nicht einen Autodieb in einem Mazda. Wenn er einfach in legalem Tempo weiterfuhr, dort vorn an der roten Ampel bremste, wozu ihn seine jahrelangen Braver-Autofahrer-Reflexe ohnehin drängten, und sich in dem Augenblick, in dem seine Verfolger an ihm vorbeifuhren, sich „ganz zufällig“ nach etwas bückte, hätten sie keine Ahnung, wer er war.

Natürlich würden sie das herausfinden, sobald sie den Circle K erreichten. Wenn das gestohlene Fahrrad, das vermutlich immer noch dort lag, kein ausreichender Hinweis war, dann sicher die Blutspuren neben der Tanksäule, und die Aussagen von bestimmt einem Dutzend Zeugen würde schnell klarstellen, was passiert war und mit welchem Auto er jetzt unterwegs war. Die Vorbesitzerin konnte der Polizei vermutlich sogar eine exakte Beschreibung des Autos geben, von Marke, Modell, Farbe und Nummernschild bis hin zum Inhalt des Kofferraums.

Doch zu diesem Zeitpunkt hätte er seinen Vorsprung bereits ausgebaut, und sie wüssten erst einmal nicht, in welche Richtung er unterwegs war.

Innerhalb eines Wimpernschlags entschied Sid. Er nahm den Fuß vom Gas und verlangsamte. Das Auto kam exakt auf der weißen Linie zum Stehen.

Jetzt musste er nur noch gleichzeitig die Ampel und die Seitenstraßen im Blick behalten, um sich rechtzeitig zu ducken. Sein blutdurchtränkter Overall war einfach zu auffällig, selbst wenn die Bullen sein Gesicht noch nicht kannten. Er drehte langsam den Kopf und ließ seine Augen hin und her schnellen. Gleichzeitig lauschte er. Wie nah waren die Sirenen? Aus welcher Straße würden sie kommen?

Da waren sie auch schon. Und – verdammt, sie kamen genau aus der Querstraße, vor der er stand und auf Grün wartete. Sid zuckte zusammen und duckte sich, so langsam seine flatternden Nerven das zuließen. Bitte schaut nicht her, flehte er in Gedanken, fahrt einfach weiter, hier gibt es nichts zu sehen…

Und dann waren sie an ihm vorbei. Er richtete sich vorsichtig auf und sah sich um. Jemand hinter ihm hupte, aber das war nur, weil die Ampel inzwischen grünes Licht zeigte. Sid nahm den Fuß von der Bremse und fuhr so behutsam an wie ein Fahrschüler in seiner zweiten Stunde.

Geschafft. Er hatte es geschafft. Zumindest fürs Erste – lang würde sein Bluff nicht vorhalten. Aber jetzt musste er erst einmal Abstand zwischen sich und die Bullen bringen.

Und dann sollte er überlegen, wohin er überhaupt floh. Er brauchte ein Ziel, einen sicheren Unterschlupf. Ewig konnte er nicht davonlaufen. Spätestens, wenn sie ihn zur Fahndung ausschrieben, musste er ihnen über kurz oder lang ins Netz gehen.

Er brauchte einen Zufluchtsort, einen haven… Und als er das Wort dachte, wusste er auch, wo.

Summerhaven. Skigebiet im Winter, Zufluchtsort wohlhabender Tucsonians im Sommer. Und Wohnort seines Cousins. Sid beschleunigte vorsichtig. Noch musste er unauffällig bleiben. Am besten machte er einen Umweg und organisierte ein neues Fahrzeug… Dieses Mal mit einem besseren Plan und weniger Zeugen.

 

(30.04.2017, 624 Wörter.

EDIT: Der nächste Teil ist da! Spät, aber immerhin…

Kurzer Reminder: Tod des Autors. Kein Kriminalroman braucht immer noch Fans. Es lohnt sich, versprochen! Und jeder Unterstützer bekommt mindestens das E-Book.)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: