Flucht auf den Mount Lemmon (Teil 4)

(Teil 1; Teil 3)

Sid fuhr den East Speedway Boulevard mit exakt der erlaubten Geschwindigkeit entlang. Die Ampeln, das war ein weiterer Vorteil seines möglichst unauffälligen Fahrstils, waren so geschaltet, dass er noch dazu eine grüne Welle hatte. Endlich ging es mal glatt…

Er schluckte und sah sich um. Glück war nichts, worauf man sich verlassen konnte. Je besser es lief, desto vorsichtiger musste er sein, um nicht aus Übermut einen Fehler zu begehen. Das zumindest hatte ihn der missglückte Banküberfall gelehrt.

Noch war jedoch kein Polizist zu sehen, die Sirenen seiner Verfolger waren weit entfernt und wurden immer leiser. Genau der richtige Moment, um sich sein weiteres Vorgehen zu überlegen. Wo könnte er ein neues Auto bekommen, eines, das sich nicht mehr so leicht verfolgen ließ?

Er musste sich bald entscheiden. Die übernächste Kreuzung war schon die North Wilmot Road – wenn er nach Summerhaven wollte, musste er dort abbiegen.

Doch damit würde er die Polizei, die über kurz oder lang herausfinden würde, in welchem Auto er saß, genau auf die richtige Fährte locken. Das Risiko war viel zu hoch. Kurz entschlossen überquerte er die Straße und fuhr weiter den East Speedway Boulevard entlang. Erst einmal Abstand, sagte er sich; solange er weiterfuhr, konnte er nachdenken.

Zu seiner Linken tauchte der Dorado Country Club auf. Sid beachtete ihn nicht weiter; er hatte sich noch nie für Golf interessiert, und der fast leere Parkplatz sah im Vorbeifahren eher wie eine Wüste aus als wie eine Oase. Hätte er nicht bremsen müssen, weil der Wagen vor ihm in die Auffahrt einbog, hätte er ihn vermutlich nicht einmal bemerkt.

Erst an der nächsten Kreuzung traf ihn der Gedanke wie ein Blitz.

Ein fast leerer Parkplatz.

Abstand zur Straße.

Abstand zu den nächsten Wohnhäusern.

Keine Zeugen.

Und ein Auto, das gerade parkte und dessen Fahrer, mitsamt den Schlüsseln, noch in unmittelbarer Nähe sein musste.

Sid bremste abrupt und wendete im letzten Augenblick, bevor hinter der Kreuzung wieder ein Mittelstreifen den Weg blockierte. Autos hupten, aber er ignorierte das; er musste den Fahrer abpassen. Das war seine Chance. Es musste klappen, es musste!

Er raste die Einfahrt des Golfclubs entlang und stoppte das Auto mitten auf dem Parkplatz. Tatsächlich, da stand der Kerl noch und machte sich am Kofferraum seines Wagens zu schaffen. Sid sprang aus dem Auto und riss die Pistole, die er immer noch bei sich hatte, aus der Tasche seines Overalls.

Der Golfer sah überrascht auf. Bevor er etwas sagen konnte, schoss Sid ihm in den Bauch, dann in die Brust. Der Mann riss die Augen auf, öffnete den Mund, wie um zu protestieren, und sackte dann zusammen. Sid lief zu ihm hin. Als er sich zu ihm hinunterbeugte, merkte er, dass der Mann noch lebte. Er überlegte kurz, ob er ihm mit einem Kopfschuss den Rest geben sollte. Immerhin war das ein potenzieller Zeuge… Andererseits konnte er der Polizei auch nichts erzählen, was sie nicht selbst herausfinden konnte. Und vielleicht könnte ein Notarzt den Typ noch retten. Irgendwie gab diese Möglichkeit Sid das Gefühl, kein ganz so schlechter Kerl zu sein. Es waren heute sowieso schon zu viele Menschen gestorben, und eigentlich hatte Sid keine Lust, noch jemanden umzubringen. Doch für eine Diskussion oder gar eine Geiselnahme reichte seine Energie nicht mehr aus, und seine Zeit vermutlich auch nicht.

Er nahm dem röchelnden Golfer die Autoschlüssel aus der Hand. Dann, einem Impuls folgend, fischte er ihm noch das Handy aus der Tasche, wählte den Notruf und drückte es dem Kerl ans Ohr. Als gute Tat zählte das nicht wirklich, das war ihm klar, aber vielleicht drückte sein Karma so noch ein Auge zu. Sid war nicht sicher, ob Karma so funktionierte; er war noch nie besonders spirituell gewesen. Doch wenn es irgendeine höhere Macht gab, die ihn beobachtete und beurteilte, dann könnte sie doch wenigstens seinen guten Willen zur Kenntnis nehmen und seine Glückssträhne fortsetzen…

 

(13./14.05.2017, 641 Wörter. Ich bitte um Entschuldigung wegen letzter Woche… Ich hab’s einfach nicht geschafft. Aber nach meiner Pause im letzten Jahr habe ich mir auch vorgenommen, nicht mehr so streng mit mir selbst zu sein. Klar, ich möchte schon meine 500 Wörter die Woche abliefern, aber wenn etwas dazwischen kommt, will ich mich nicht mehr so unter Druck setzen, wie ich das früher getan habe. Ich hoffe, ihr habt Verständnis dafür.

Oh, und bevor ich es vergesse: Tod des Autors. Kein Kriminalroman sucht immer noch Fans. Es lohnt sich, versprochen! Und jeder Unterstützer bekommt mindestens das E-Book.

EDIT: Hier ist endlich der nächste Teil!)

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