Leere

Die Tanzfläche ist leer. Wo an anderen Tagen fröhliche Paare im Gleichtakt wirbeln oder bunte Menschenmengen durcheinander tanzen, spiegelt sich heute nur die Sonne matt auf dem Parkett. Der Boden ist frisch geputzt, nicht einmal Spuren von den Tänzern sind noch zu sehen. Wäre das Holz nich hier und da ganz offensichlich von jahrelanger Belastung abgenutzt, man könnte meinen, der Raum wäre noch nie betreten worden.

Die Sonnenstrahlen fallen schräg durch die hohen Fenster. Staub tanzt in ihnen, die einzige Bewegung, die sichtbar ist. Ab und zu zieht eine Wolke über den Himmel; dann verdüstert sich auch der Saal, das Parkett wird stumpf, die Staubkörnchen verlieren ihr Glitzern und scheinen schließlich ganz zu verschwinden. Bis die Wolke weiterzieht, die Sonne wieder hervorkommt und die Leere der Tanzfläche zum Leuchten bringt.

Dennoch, auch leuchtende Leere ist leer. Man kann dem Raum noch ansehen, wofür er normalerweise genutzt wird, und all die Zeichen lassen die momentane Stille umso drückender erscheinen. Die Spiegelwand, an der die Tänzer ihre Haltung kontrollieren sollen, wirft heute nur Leere zurück. Die Bänke an der Seite, auf denen man die Schuhe wechselt oder in der Pause die Beine ausruht, sind verwaist. Die Regale mit den quadratischen Fächern, gerade groß genug für eine Tasche, eine Jacke, ein Paar Straßenschuhe, eine Wasserflasche, sind unbelegt. Die Bühne für den DJ ist heute nur ein Kasten mit einem Tisch darauf, so leer wie der ganze Saal. Mischpult und Musikanlage sind im Wandschrank eingeschlossen. Die Lautsprecher hängen stumm in den Ecken, schwarze Kästen auf der hellen Wand. Anstatt Rhythmus, Bewegung, Freude zu schenken, sind sie dunkle Flecken, schwer und bedrohlich. Wie leicht die Stücke sein können, die sonst aus ihnen dringen, sieht man ihnen nicht an, wie bunt, wie beschwingt.

Es ist still im Saal. Die weggesperrte Musik wartet stumm und geduldig auf ihren nächsten Einsatz. Kein Tanzlehrer zählt an, erklärt oder korrigiert. Kein Fuß berührt den Boden, leicht oder schwer, graziös oder tollpatschig, im Rhythmus oder immer einen Viertelschlag hinterher. Keine Röcke schwingen, keine Absätze klappern. Keine Gespräche, kein Kichern über eine missglückte Drehung, kein Lachen aus reiner Freude, nicht einmal Atem ist zu hören. Der akustische Raum ist ebenso leer wie der physische. Ab und zu zittern die Fensterscheiben, wenn draußen ein Auto vorbeifährt, doch diese Schwingung findet kein Echo im Inneren des Gebäudes. Die Leere füllt alles aus, erdrückt alles, erstickt alles. Die Tanzfläche, der Saal, selbst der Staub in den Sonnenstrahlen, alles scheint wie in der Zeit festgefroren.

Wäre jetzt jemand im Raum, könnte jemand ihn so sehen, es wäre schwer zu glauben, wie er sonst aussieht. Voll und lebendig, in ständiger Bewegung: Eigenschaften, die mit diesem Anblick nichts zu tun haben scheinen.

Leer. Still. Bewegungslos. So liegt der Raum da. Wartend. Hoffend… und träumend, erinnernd, voll von den Tänzen der Vergangenheit und der Musik der Zukunft. Die Leere ist nur Zwischenzustand, sie wird nicht von Dauer sein. Bald wird sie sich wieder füllen, mit Menschen und Musik, und die Tanzfläche wird wieder für das genutzt werden, wofür sie bestimmt ist.

Doch bis dahin dominiert die Leere.

 

(21.05.2017, 508 Wörter. Ungefähr so wie dieser Tanzsaal fühlt sich mein Kopf gerade an… Aber ungefährt so wie dieser Tanzsaal gehe ich fest davon aus, dass sich das wieder ändern wird – und dann gibt es den nächsten Teil der Fortsetzungsgeschichte :-)

Wer in der Zwischenzeit was Neues zu lesen sucht und/oder einer talentierten Autorin bei der Verwirklichung ihrer ersten Romanveröffentlichung helfen will, der sei noch einmal auf „Tod des Autors. Kein Kriminalroman“ hingewiesen. Beinahe zwei Drittel der nötigen Fans hat das Buch schon gesammelt. Schaut doch auch vorbei, lest die Beschreibung und schaut euch die Leseprobe an, und wenn ihr glaubt, dass es was für euch sein könnte, unterstützt es – es lohnt sich!)

Advertisements

3 Kommentare

  1. Mich hat der Tanzsaal an den gerade gelesenen Artikel zur Schließung des bekannten Zirkus Ringling Bros. erinnert … Beides stimmt mich traurig, obwohl es natürlich durchaus positive Aspekte der Zirkusschließung gibt. Aber ich habe doch ein eher naiv-träumerisches Zirkusbild.

    1. Ja, ein Circus hat schon irgendwie etwas Romantisches, nicht wahr? Und gerade für Geschichtenerzähler sind sie eine wunderbare Quelle. Kennst du „Der ehrliche Lügner“ von Rafik Schami? Eines der schönsten Circusbücher, das ich je gelesen habe.

      Aber im Unterschied zu Ringling Bros. wird der Tanzsaal ja nicht für immer leer bleiben :-)

      1. Nein, kenne ich nicht. Schaue ich mir mal an. Ich bin allerdings durch Dumbo und „Wasser für die Elefanten“ angefixt worden ;) Scheint ein bisschen elefantenlastig zu sein …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: