Flucht auf den Mount Lemmon (Teil 6)

(Teil 1; Teil 5)

Sid gab Gas, die Augen auf Mount Lemmon geheftet. In ein paar Minuten, da war er sicher, würde er wieder eine Straße erreichen, auf der er sich auskannte. Dass er sich überhaupt so nervös machen ließ, war ein Zeichen dafür, wie fertig er war. Er zwang sich, tief durchzuatmen. Sein Ziel war in Sichtweite. Wenn er jetzt keine Dummheiten machte, würde er in einer guten Stunde in Sicherheit sein.

Und dann konnte er auch seine Wunde versorgen lassen. Die machte ihm inzwischen echt zu schaffen. Sein ganzer Arm pochte dumpf, und er fühlte sich zittrig und schwach. Trotzdem. Tief durchatmen. Weiter. Bloß nicht aufgeben. Er sagte es sich vor wie ein Mantra.

Kaum hatte sein pochendes Herz sich wieder ein bisschen beruhigt, sah er auch schon die nächste Querstraße. East Tanque Verde Road – Halleluja! Hier kannte er sich wieder aus. Er setzte den Blinker nach rechts und reihte sich in den Verkehr Richtung Osten ein. Jetzt hieß es erst einmal, der Straße folgen. Sehr gut. Er entspannte sich wieder etwas.

Jetzt erst merkte er, dass ihm der Schweiß auf der Stirn stand. Er hob die linke Hand, um sich über das Gesicht zu wischen, doch sofort durchzuckte ihn scharfer Schmerz. Er ließ den Arm mit eine Stöhnen wieder sinken.

„Verdammte Scheiße“, murmelte er mit zusammengebissenen Zähnen. Er brauchte unbedingt einen Arzt. Doch erst musste er nach Summerhaven. Er musste Tucson verlassen, dringend, bevor jemand seine Spur mit dem Verletzten im Dorado Country Club verband und nach seinem neuen Fahrzeug fahndete. Und er brauchte einen Arzt, bei dem er sich darauf verlassen konnte, dass es keine Fragen geben würde, auch wenn die Wunde für einen Fachmann sicher schnell als Streifschuss erkennbar war.

Sein Cousin kannte sicher jemanden. Und wenn nicht, verdammt, dann musste er eben zu irgendeinem Arzt und auf dessen Verschwiegenheit hoffen. Er beugte den Kopf nach vorn, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, ohne die Hand vom Lenkrad zu nehmen. Schwitzte er, weil es so heiß war, oder war das ein weiteres Zeichen für seinen nachlassenden Gesundheitszustand?

Ein weiteres ausgetrocknetes Flussbett, über das ihn eine Brücke führte, an ein paar Kirchen vorbei, und dann nach links auf den East Catalina Highway. Sid zwang sich, ruhig zu fahren und gleichmäßig zu atmen. Wenn er sich doch nur trauen würde, die Hand vom Steuer zu nehmen und die Klimaanlage hochzudrehen… Es war wirklich verdammt heiß hier. Jedes Jahr, wenn es im Frühjahr begann, wärmer zu werden, verstand er, warum sein Cousin nach Summerhaven gezogen war… und warum der Ort so hieß. Jedes Jahr nahm Sid sich vor, ihn öfter zu besuchen, und tat es dann doch nicht, denn Hitze hin oder her, in Tucson war wenigstens was los.

Naja. Das würde er ja jetzt nachholen. Und ein verschlafenes Nest außerhalb der Touristensaison war im Augenblick genau das richtige für ihn. Langeweile hatte sich noch nie so verlockend angehört…

Er musste nur hinkommen. Wieder verrenkte er sich, um den Schweiß abzuwischen, der ihm in die Augen lief. Dieser ganze verdammte Tag war ein einziger Alptraum. Sid hoffte nur, dass er bald aufwachen würde…

 

(11.06.-22.07.2017, 516 Wörter. Ich bitte um Entschuldigung für die lange Pause… Das Schreiben war zwischendurch leider krankheitsbedingt sehr, sehr zäh. Aber ich hoffe, dass es ab jetzt wieder läuft :-)

Danke übrigens allen, die den Tod des Autors unterstützt haben – das Buch hat seine 100 Fans gefunden und wird nun verlegt. Geplanter Erscheinungstermin ist Mitte Oktober.)

 

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